Wie unter Dollfuß

25. Jänner 2002, 20:56
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Eine Kolumne von Günter Traxler

Wie allgemein erwartet und von der Krone befürchtet, hatte Jörg Haider wieder einmal nicht den Mut, zu seinen Worten zu stehen. Zu den erquickendsten Momenten dieser Woche gehörte der stark ins Kabarettistische changierende Teil der ZIB 2 vom Mittwoch, wo er als kruppstahl-harter und zum Nachgeben eisern entschlossener Führer seines Volkes wenigstens äußerlich den Eindruck zu erwecken versuchte, der Kampf gegen die von Temelín ausgehende Bedrohung hiesiger Bürger, Kinder und Tiere könnte es eventuell doch Wert sein, dafür auf ein Paar Ministersessel zu verzichten. Die Faust geballt, den Schwanz eingezogen, präsentierte er sich als ein Monument des heimischen Populismus, groß in Worten, feig in den Konsequenzen und getragen von der Hoffnung, seine Drohrufe gegen den Bundeskanzler würden wenigstens ein Paar Tage lang in Schüssels Ohren wie Donnerhall brausen.

Taten sie aber nicht, da konnte er noch so viel nachlegen. "Man kann nicht gegen das Volk regieren. Das wird mit uns nicht gehen" bemühte er sich im NEWS dieser Woche die 15,53 Prozent, die ihm nachgefolgt waren, zur Gesamtheit des Volkes aufzublähen. Als das Magazin auf den Markt kam, war das Versprechen, "das" werde mit ihm nicht gehen, auch schon wieder gebrochen, da ließ die schwarz-blaue Regierungsriege bereits wissen, Nachrichten von ihrem Tod seien stark übertrieben. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben.

Denn wegen des großen Erfolges wird das Stück nun prolongiert, nur die Kulissen werden gewechselt. Auf der schwarz-blauen Bühne muss der Prospekt des Atomkraftwerkes Temelín den Benes-Dekreten weichen, und schon kann es wieder losgehen. Nun braucht Schüssel nur noch zu sagen, wegen der Benes-Dekrete werde es kein Veto gegen einen EU-Beitritt Tschechiens geben - die Krone ist sicher wieder dabei, wenn das nächste Volksbegehren einen Trommler braucht. Das österreichische Volk kann diese Dekrete nicht per Begehren abschaffen? Ein kleinlicher Einwand. "Schüssel will offenbar nicht die laute Stimme des Volkes hören", hört man Jörg Haider mahnen. Und dann besonders abgefeimt: "Wir sind ja nicht in der austrofaschistischen Diktatur von 1934. Das wäre die Gesinnung von Dollfuß."

So sehr das Stück, für das der Vorhang nun hochgeht, der alten Vorlage folgen wird, einige neue Pointen sind offenbar eingeplant. Da tritt plötzlich der blaue Klubobmann als Genocid-Spezialist an die Rampe. Die "Völkermorddekrete müssen vor dem Beitritt Tschechiens zur EU endgültig gestrichen werden, weiß er auf einmal. Es ist doch gut, wenn man immer etwas gegen die Osterweiterung in Reserve und die Außenministerin als Helferin hat.

Ganz besonders gut ist es und dem Ruf Österreichs im Ausland extrem förderlich, wenn ausgerechnet jene den moralischen Zeigefinger erheben, die an anderen Völkermorden und -mordversuchen kaum etwas auszusetzen finden, und daraus folgende Schadenersatzansprüche als dreiste Provokationen von Leuten mit Dreck am Stecken abtun.

Auch die Parallele, die Jörg Haider auf einmal zwischen Wolfgang Schüssel und Engelbert Dollfuß entdeckt, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Lässt sich daraus auf tief im Unbewussten schlummernde Wünsche schließen, die in zensurierter Form - als Drohung mit dem Ende der Koalition - ins kollektive Bewusstsein gehoben werden sollen? Schließlich: Freunde der ordentlichen Beschäftigungspolitik haben seinerzeit den austrofaschistischen Säulenheiligen der Volkspartei erschossen - und müssen sich heute wieder mit seinem christlichsozialen Nachfahren ärgern.

(DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2002)
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