Cyber-Nabel und -Urin

25. Jänner 2002, 19:16
posten

"Shit happens" im THEATER PHÖNIX

STANDARD-Mitarbeiter Reinhard Kannonier

Linz - Der Bürgermeister von Laching hat die kleine Welt satt. Er will das provinzielle Kaiserreich mithilfe dubioser amerikanischer Investoren zu einer "Wonder-Chatworld" aufblasen, die sein Dorf zum Nabel der Cyber-Welt hochpushen soll.

Bei dieser Gelegenheit rutscht er gleich auch ein wenig tiefer: Was ist schon der traurige Sex mit dem lange angetrauten Weibe gegen jene Fantasien, die sein geiles Burschi unterhalb des Nabels im Sex-Chatroom des Cyberspace beflügeln? Also flugs drauflos geschweinigelt in der Anonymität des "world wide web". Doch da droht der megaböse Virus "shit happens.exe" die reale Welt zu sprengen. Er kommt - richtig! - aus Laching. Ein Anti-Viren-Special-Agent aus der fernen Stadt, dem irrtümlicherweise eine Urologin als kurzzeitige Assistenz zur Seite gestellt wurde, macht sich auf die Spurensuche.

Thomas Baum hat erstmals eine Komödie geschrieben. Mit dieser witzigen und bissigen Satire ist ihm gleich ein hervorragender Wurf gelungen. Der raffiniert gebaute Text spielt geschickt mit herkömmlichen Sprachformen und verbindet sie mit dem "new speach" der Cyber-Generation. Die zeitgemäßen, hochaktuellen Sujets - virtuelle und reale Beziehungskisten, Geschäftemacherei mit der Unwissenheit, Virenterror, Auflösung von regionalen und persönlichen Räumen - taumeln im Gewande eines Bauernschwanks von einer Seifenpfütze in die nächste. Und ganz zart im Hintergrund schwingt auch eine berührende Liebesgeschichte ohne Überanstrengung mit.

Perpetuum mobile der Begierden

Natürlich geht am Ende alles gut aus. Doch der Nachspann zum Stück, nachdem der erste Applaus schon aufgebrandet ist, raubt die Illusion: Das Perpetuum mobile der im Raum umherirrenden Lebensentwürfe dreht sich unablässig weiter.

Monika Rovan baute einen schönen, variablen Raum für die pralle, bisweilen hyperrealistische Inszenierung von Hakon Hirzenberger. Doris Hindinger brilliert als Urologin Paula Bosch komödiantisch mit feinen Untertönen; Alexander Jagsch, Eduard Wildner, Ingrid Höller, Helmut Fröhlich und Michael Smulik bilden ein hochkarätiges Ensemble.

Sinnliches Theater zum Anfassen über virtuelle Räume, herzhaftes Lachen bei bissiger Kritik: Das Publikum dankte es mit langem, hoch verdientem Applaus.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 26.01.2002)
  • Artikelbild
    theater phönix
Share if you care.