Zuckerwattewahnsinn

25. Jänner 2002, 19:04
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Im Rabenhof geschaufelt: Gemütsabgründe

Michael Cerha

Wien - Österreichs größte Entertainer: Die Grundidee ist simpel, fast billig. Die volkstümlichsten Verbrecher, die Österreich in den letzten Jahren hervorgebracht hat, sind nacheinander Gast bei der Talkmasterlegende Heinz Conrads. Der vollzieht an ihnen sein bewährtes Verdrängungsritual, und schon schieben sich die Schönheiten der Wachau vor die Morde der Elfriede Blauensteiner. Und um die Herr-Karl-Philosophie des Lucona-Versenkers Udo Proksch spinnt sich wolkengleich die Watte einer zuckerbäckersüßen Melancholie.

Das ist provokant, wenn es aus der Sicht eines der Opfer der ebenfalls auftretenden Lainzer Mordschwestern empfunden wird oder aus der Sicht einer der Frauen, die ihr letztes Rendezvous mit Jack Unterweger oder Wolfgang Ott hatten. Doch diese Provokation nehmen Jochen Herdieckerhoff (Idee), Thomas Gratzer (Buch) und Helmut Schödel (Regie) im Rabenhof ungeniert in Kauf. Wichtiger war ihnen und ist wohl wirklich der theatralische Nachweis, welche unübersehbaren Gemüts- und Gedankenparallelen zwischen dem Österreich mit der weißen Weste und seinen Exponenten mit der schwarzen Weste bestehen.

Florian Scheuba erfindet Heinz Conrads noch einmal: Die aufgesetzte Zuversicht, das maskenhafte Lächeln, die Betonung der Peinlichkeit dadurch, dass allzu auffällig darüber hinweggespielt wird - dieser Talkmaster verrät mit jedem gepressten Wort und jeder gezwungenen Geste einen Abgrund in sich, der so groß ist wie die Abgründe seiner mörderischen Gäste alle zusammen.

Ein Komplexbündel namens "Frodl"

Unter diesen Gästen fällt Martin Puntigam als ein Komplexbündel namens Helmut Frodl auf, Hubsi Kramar als tobender, politisch verfolgungswahnsinniger Franz Fuchs. Hilde Sochor hat als Schwarze Witwe dort Charme, wo bei anderen das Gewissen sitzt. Heribert Sasse ist, in Nahaufnahme im eingespielten Interview, ein phänomenal dämonischer Udo Proksch.

Ohne unnötigen Aufwand, mit einem Klavier für Bela Koreny als Pianist, Norbert Pawlicki und einer saisonadäquat faschingshaft geschmückten, spießigen Sitzecke, deutet diese Produktion an, dass es ein kollektives Böses gibt, das sich gleichsam an einzelnen Gesellschaftsmitgliedern kristallisiert. Und dass man daher viel über eine Zeit sagen kann, indem man die Verbrecher sprechen lässt, die sie am meisten schockiert haben.

(DER STANDARD, Print, Sa./So., 26.01.2002)
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