"Auf Widerstand"

25. Jänner 2002, 21:54
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Donnerstagsdemo begeht 100. Jubiläum

Wien - Frau Linda, 43, schmiert Liptauerbrote als Jause. Sonja verteilt Flugzettel, als ideologisches Unterfutter. Der Teeverkäufer wirbt für "Trinken gegen rechts", die Rote-Fahnen-Träger schwingen sich ein, wie immer.

Und doch beginnt dieser Donnerstagabend am Ballhausplatz anders als sonst. "Wir fühlen uns in unserer Privatheit gestört. Heute ist es, als ob Leute ins Wohnzimmer kommen, die einen zwei Jahre vergessen haben", amüsieren sich Peter und Simon, Student und IT-Spezialist, dass statt der üblichen 200 Leute diesmal 1500 gekommen sind.

Promis wie Johanna Dohnal, die es als Verpflichtung sieht, bei der 100. Donnerstagsdemo zu sein. Stille Anti-Schwarz-Blau-Brüter wie der Angestellte Gerhard, der Aktivität entwickelt und ein "Trinkt tschechisches Bier"-Transparent gebastelt hat. Schriftsteller wie Doron Rabinovici, der oft lieber formuliert als marschiert, aber froh über die Demo ist. Engagierte wie Fanny Gross, der Demonstrieren oft zu anstrengend ist, immerhin ist sie 81. Und Erstbesucher wie Studentin Susi, die drängt: "Wann gehen wir los?"

Traditionelle Lesung

Nur die Ruhe, erklären Demo-Veteranen wie Lehrerin Karla das Ritual: Zuerst die Lesung im Kammerl "Botschaft der besorgten Bürger". Die Aufwärmrunde, während der Pelzmantel Lederjacke grüßt und sich fürs Fehlen vor einer Woche entschuldigt. Gegen 20 Uhr fordern Demonstranten "An-sa-ge", die Polizei spielt das Band "das ist eine unangemeldete . . .", wenn sie gut aufgelegt ist, reagiert sie auf "Zu-ga-be" und spielt es noch einmal.

Dann geht es los, wohin, weiß meist KurtO Wendt, bärtig-beleibter Oberdemonstrant. Für die "happy-Thursday"-Jubiläumsdemo hat er einen Routen-"Klassiker" gewählt: ÖVP-Zentrale, dann zur FPÖ. Die Polizei wandert mit, stoisch sagt der Major "die gehen, wir gehen mit". Nur selten mischt sie sich in die Route ein: riegelt ab, lässt die Demonstranten nicht ganz zur ÖVP-Zentrale. Die pfeifen, schwenken "Widerstand"-Plakate - bringen die Präambel halt dann am Einbahnschild an und gehen weiter.

"Friedliche Koexistenz", staunt der Spiegel-Journalist. Die Polizei erfährt die Route vorher. Meistens. Das Trio von den Wiener Linien auch. 15 Minuten vorher, das Maximum an in zwei Demo-Jahren erreichter Absprache. Also verfolgt das Trio die Demo, um Behinderungen bei Bus und Bim so gering wie möglich zu halten: "Die Ringbim steht fast jeden Donnerstag."

Solche G?schichterln finden sich auch im Buch über das "Phänomen" (Herausgeberin Elisabeth Boyer). Erscheinen wird es Mitte Februar. Die Demos werden danach weitergehen, verspricht Wendt. Sagt?s und verabschiedet sich von Mitdemonstrierern. Nicht mit Auf Wiedersehen. Mit: "Auf Widerstand."
(DER STANDARD, Printausgabe, 26.1.2002)

von Eva Linsinger


RADIOTIPP:

Orange 94.0
"Die moralische Distanz"
Samstag, 26. Jänner, 15-17 Uhr

"Die moralische Distanz" diskutiert ab 15 Uhr live anlässlich der 100. Donnerstagsdemo mit Studiogästen zum Thema "Wir gehen bis sie gehen" über die vergangenen zwei Jahre und über Ausblicke für den Rest der Legislaturperiode.

Ab 16 Uhr folgt die Wiederholung einer Sendung aus dem Frühjahr 2000 zum Thema "Demokultur". DemonstrantInnen sprechen über ihre Motive, Originalaufnahmen von den Demonstrationen geben ein Bild von der Stimmung unmittelbar nach dem Regierungswechsel.

LINK
www.orange.or.at
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