Indischer Raketentest facht Krise mit Pakistan neu an

25. Jänner 2002, 21:09
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Start von atomwaffenfähiger Mittelstreckenrakete als Erfolg gefeiert - Kritik von Powell

Neu-Delhi/Islamabad - Ungeachtet der angespannten Lage in Südasien hat Indien am Freitag eine für Atomsprengköpfe geeignete Rakete getestet. Der Test solle die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung unterstreichen, teilte das Außenministerium mit. Er habe keine politische Botschaft vermitteln sollen. Verteidigungsexperten werteten den Test dennoch als Botschaft an Pakistan und die internationale Gemeinschaft, dass Indien im Kaschmir-Konflikt bei seiner entschlossenen Haltung bleiben werde. Pakistan warf Indien vor, die Stabilität in der Region zu gefährden. Seit einem Anschlag auf das indische Parlament Mitte Dezember ist die Lage zwischen Indien und Pakistan gespannt.

"Gut für die Sicherheit

"Dies wird vom indischen Standpunkt aus gut für die Sicherheit sein", sagte der indische Ministerpräsident Atal Behari Vajpayee. Die Rakete vom Typ "Agni" - Hindi für "Feuer" - habe eine Reichweite von weniger als 700 Kilometern gehabt, sagte eine Sprecherin der Außenministeriums dem Fernsehsender Star News. Der Zeitpunkt des Tests sei durch technische Faktoren bestimmt gewesen. Die Rakete war am Morgen von der Ostküste Indiens aus über den Golf von Bengalen abgeschossen worden. Indien hat nach eigenen Angaben mehrere Länder, darunter Pakistan, China, Großbritannien, die USA und Deutschland von dem Raketenstart vorab informiert. "Der Test stellt keine Provokation dar und hat keinen Zusammenhang mit der jetzigen Situation an der (indisch-pakistanischen) Grenze", teilte das Außenministerium mit.

Je nach Typ hat die "Agni" eine Reichweite von mehr als 2000 Kilometern. Sie kann mit einem Atomsprengkopf bestückt werden und gilt als Schlüsselelement für Indiens atomare Abschreckung. Indien wie auch die Nachbarländer China und Pakistan verfügen über Atomwaffen.

"Eine Art der Selbstbehauptung"

Verteidigungsexperten werteten den Raketentest sehr wohl als politische Botschaft. "Diesen Test heute zu machen schickt ein sehr starkes Signal", sagte der frühere Generalleutnant V. R. Raghvan im Fernsehen. Am Samstag begeht Indien seinen Nationalfeiertag, an dem traditionellerweise auch eine Militärparade abgehalten wird. Aus Furcht vor Anschlägen sind dazu die Sicherheitsmaßnahmen verschärft worden. Nach Ansicht von Bharat Karnad, strategischer Analyst im Centre for Policy Research in Neu-Delhi, will die indische Regierung dem Eindruck begegnen, ihre Pakistan-Politik sei von den USA oder anderen Ländern beeinflusst: "Dies ist eine Art der Selbstbehauptung", sagte er.

Das indische Verhalten schade den Bemühungen um Stabilität in der Region, insbesondere in der gegenwärtigen Situation, teilte das pakistanische Außenministerium mit. Indien und Pakistan haben entlang ihrer Grenze rund eine Million Soldaten zusammengezogen, seit sich die Spannungen verschärft haben.

Kein Rückzug

Indien werde seine Truppen vorerst nicht von der Grenze zurückziehen, sagte Innenminister Lal Krishna Advani am Freitag. Indien fordert konkrete Beweise, dass Pakistan gegen moslemische Extremisten vorgeht. Advani sagte, erst nach einigen Monaten lasse sich beurteilen, ob die Infiltration der Extremisten von Pakistan nach Indien nachgelassen habe. Die beiden Länder streiten seit Jahrzehnten um die Himalaya-Region Kaschmir, die seit der Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien im Jahr 1947 zwischen beiden Ländern geteilt ist. Indien und Pakistan führten dreimal Krieg gegeneinander, zweimal um Kaschmir.

Großbritannien kritisierte Indien wegen des Raketentests. Angesichts der Spannungen in der Region sei dies ein "falsches Signal", sagte der britische Außenminister Jack Straw in London. Auch Deutschland äußerte sich besorgt. "Vor dem Hintergrund der aktuellen Spannungen mit dem Nachbarland Pakistan kann dieser Test zu vermeidbaren Missverständnissen führen", erklärte Außenminister Joschka Fischer.

Feuergefechte

An der Waffenstillstandslinie in Kaschmir feuerten Soldaten beider Länder am Freitag kurz nach dem Raketentest wieder aufeinander. Pakistanischen Angaben zufolge wurden dabei vier Zivilisten verletzt. Seit Wochen beschießen sich die Soldaten immer wieder. Ein Kampfflugzeug der pakistanischen Luftwaffe stürzte am Freitag ins Meer. Die Maschine des französischen Typs Mirage war nach Militärangaben in Karachi zu einem routinemäßigen Aufklärungsflug gestartet. Über das Schicksal des Piloten lagen zunächst keine Informationen vor. Außerdem stürzte Behördenangaben zufolge in der Nacht nahe der Grenze zu Pakistan ein unbemanntes indisches Spionageflugzeug ab.

Powell: Test kommt zu schlechtem Zeitpunkt

US-Außenminister Colin Powell hat den Test einer indischen Trägerrakete kritisiert. Der Test komme zu einem schlechten Zeitpunkt, sagte Powell am Freitag in Washington. Er glaube aber nicht, dass dadurch die Spannungen zwischen Indien und Pakistan weiter verschärft würden. Die USA würden auch weiterhin versuchen, die beiden Atommächte zu einem Ende des Konflikts um die umstrittene Grenzregion Kaschmir zu drängen, sagte Powell. (APA/Reuters/AP/dpa)

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