Der Gärtner war der Gründer

24. Jänner 2002, 20:23
6 Postings

Das erste Experiment der Ökologie stammt doch nicht von Charles Darwin

Silwood Park/Wien - Man nehme Gräser, pflanze sie in einer Art Monokultur. Dann nehme man dieselben Arten und pflanze sie gemeinsam mit anderen Gewächsen, das Ganze auf verschiedenen Böden. - Ein einfaches Experiment, das höhere Produktivität bei höherer Diversität einer Pflanzengemeinschaft zeigt. Der Versuch gilt als Geburtsstunde der Ökologie und wurde bisher Charles Darwin zugeschrieben. Dieser hatte ihn in seinem Buch "Origin of Species" von 1859 erwähnt, ohne genauere Angaben über die Versuchsanordnung zu machen.

Nun machen ihm Forscher mit einer detektivisch genauen Recherche in diversen Bibliotheken, darunter die Sammlung seltener Manuskripte des Britischen Museums, die Vaterschaft streitig. Nicht Darwin war der erste Wissenschafter der Ökologie, sondern ein Gärtner war der Gründer. Sein Name war George Sinclair, sein Dienstherr der Duke of Bedford, sein Arbeits- und somit Experimentiergelände die Abtei Woburn in Südostengland.

Gärtnermagazin

Und so kommt die Sache nun ans Licht: "In einem älteren, unvollendeten Buch von Darwin, ,Natural Selection', fanden wir viele Referenzen zu Arbeiten, die ihn beeinflusst haben", erzählt Andy Hector, Ökologe am Imperial College in Silwood Park, dem STANDARD und veröffentlicht seine überraschenden Ergebnisse heute, Freitag, auch in Science. "Und da fanden wir den Hinweis, dass Darwin von dem Experiment in einem Gärtnermagazin gelesen hat." Dieses zitierte ihrerseits ein Buch, das bereits 1826 ausführlicher über die Versuchsreihe berichtet hatte: "Hortus Gramineus Woburnensis", ein Buch über den Garten der Abtei.

Damit ist die Ökologie mehr als 30 Jahre älter als angenommen. Die Erkenntnis des Experiments, dass Ökosysteme für ihr Funktionieren Biodiversität brauchen, beschäftigt die Wissenschaft heute mehr denn je. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2002)

Von Roland Schönbauer
  • Bild nicht mehr verfügbar
Share if you care.