Ab Herbst neue Leistungstests für Schüler

24. Jänner 2002, 20:00
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Elisabeth Gehrer plant Kampf gegen Leseschwäche aufzunehmen

STANDARD: Die Unterrichtsstundenbelastung der 12- bis 14-Jährigen ist im internationalen Vergleich besonders hoch. Sollten die Schüler entlastet werden?

Gehrer: Weil wir mehr Stunden haben als andere, sollte aufs Wiederholen größerer Wert gelegt werden. Mehr üben und nicht so sehr auf das Elternhaus verlassen. Das halte ich für ganz wichtig.

STANDARD: Was halten Sie von der Forderung nach einer Fünf-Tage-Woche für alle Schüler - also auch an höheren Schulen?

Gehrer: Die Entwicklung zeigt in Richtung Fünf-Tage-Woche. Ich sehe aber keinen Bedarf, das vorzuschreiben.

STANDARD: Wird es in der reformierten AHS-Oberstufe - vorausichtlich ab 2003/04 - mehr fächerübergreifenden Unterricht geben?

Gehrer: Bei der Oberstufe soll, wie in der Unterstufe, die Möglichkeit zur autonomen Gestaltung der Stundentafel geschaffen werden.

STANDARD: Aber mit dem Pflichtfach Latein?

Gehrer: Es steht den Eltern ja frei, ihr Kind in einen Zweig zu geben, wo Latein nicht Pflichtfach ist. Es ist aber fraglich, ob man in der dritten Klasse Gymnasium vier Stunden Latein und in der vierten fünf Stunden Latein braucht. Das ist meiner Meinung nach zu viel. Fortschrittliche Schulen organisieren das schon jetzt anders.

STANDARD: Findet in den AHS nicht zu wenig fächerübergreifender Unterricht statt?

Gehrer: Möglicherweise gibt es da in etlichen Gymnasien noch einen Nachholbedarf.

STANDARD: Was halten Sie davon, dass man in der ersten Klasse Gymnasium in Deutsch Reflexiv- und Posessivpronomina lernt, was man dann erst in der dritten - wenn Latein beginnt - versteht?

Gehrer: Es muss mehr aufeinander Rücksicht genommen werden. Da kann man sich ein bisschen was vom "Epochenunterricht" der Waldorfschulen abschauen.

STANDARD: Wieso werden nicht automatisch die Römer in Geschichte durchgenommen, wenn Latein beginnt?

Gehrer: Das kommt davon, wenn man sich zu sklavisch an die Lehrpläne hält. Es gibt natürlich die Möglichkeit zu übergreifendem Unterricht.

STANDARD: Ist in höheren Klassen ein Kurs- statt des Klassensystems geplant?

Gehrer: Ich bin für ein gemäßigtes Kurssystem. Fachleute behaupten aber, dass das sehr teuer kommt. Anfang März werden dazu erste Ergebnisse der Arbeitsgruppe zur Oberstufenreform vorliegen.

STANDARD: Wie steht es mit Leistungstests für Schulen?

Gehrer: Ich plane im Herbst eine große Aktion "Lesen können heißt lernen können". In der dritten Volksschulklasse soll abgetestet werden, ob ein Kind sinnerfüllt lesen kann. Wer es nicht kann, muss lesen, lesen, lesen. Auch Elternarbeit ist hier sehr wichtig. In einem Elternhaus, wo es kein einziges Buch gibt, tun sich die Kinder viel schwerer. In der Hauptschule sollten nochmals alle Kinder getestet und speziell gefördert werden. Bei jedem Siebten eines Altersjahrgangs besteht die Gefahr, dass er dadurch, dass er nicht wirklich lesen kann, auch noch andere Defizite ausbildet. Diese Quote von 15 Prozent, die sich schwer tun, wollen wir halbieren.

STANDARD: Werden Mindeststandards erarbeitet?

Gehrer: Wir erarbeiten solche Standards plus Testmöglichkeiten für die Nahtstellen: vierte Klasse Volksschule und vierte Klasse Hauptschule in Lesen und Rechnen. Nächstes Jahr werden die Tests den Lehrern in einer Erprobungsphase zur Verfügung gestellt. Damit soll niemand diskriminiert, sondern gezielt geholfen werden.

STANDARD: Gibt es Ihnen zu denken, dass in der Pisa-Studie diejenigen Länder sehr gut abgeschnitten haben, die ein Gesamtschulsystem haben?

Gehrer: Das Ergebnis zeigt, dass nicht die äußere Organisation, sondern die Qualität des Unterrichts Grundlage für den Erfolg ist. Daher optimieren wir die Qualität des Unterrichts, behalten aber das differenzierte System bei. (DER STANDARD, Print, 25.1.2001)

Die Bildungsministerin im Gespräch mit Martina Salomon
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