Virtueller Wahlkampf in Paris

25. Jänner 2002, 09:44
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Anders als in Deutschland halten sich Frankreichs Wahlfavoriten dezent bedeckt

Das Ritual ist so alt wie die französische Politik: In den Pariser Palästen, zwischen Goldstuck und Gobelins, folgen im Verlauf des Monats Jänner die Neujahrsempfänge Schlag auf Schlag. Je höher das Prestige des Politikers, desto mehr "voeux" organisiert er - und desto reichhaltiger ist das Buffet.

Präsident Jacques Chirac empfing im Elysée bereits Diplomaten, Militärs, Richter, Beamte, Bäcker oder die "forces vives", die staatstragenden Kräfte, und übte sich in der hohen Kunst, die Gretchenfrage zu umgehen: Kandidiert er oder nicht, bei den Präsidentschaftswahlen von Ende April und Anfang Mai?

Premier Lionel Jospin hatte sich schon als "wahrscheinlicher" Kandidat outen müssen - und bleibt hartnäckig dabei. Bei seinen "voeux" vor der Journalistenzunft erschallte zu guter Letzt doch noch die Frage, wie es um seine präsidiale Kandidatur stehe, wo doch jeder wisse, dass er antreten werde - worauf der Premier trocken konterte: "Warum fragen Sie, wenn Sie es schon alle wissen?"

So ist französische Politik: viel reden, wenig sagen und etwas anderes meinen. Die zwei jahrelangen Cohabitations-Streithähne verfolgen mit der diplomatischen Komödie dieselbe Taktik: Sie vermeiden so lange wie möglich aggressive Angriffe auf die Gegenseite, um die wichtige gemäßigte Wählerschaft der politischen Mitte nicht zu vergraulen. Zudem wollen Chirac wie Jospin so lange wie möglich von der Aura ihres Amtes profitieren, bevor sie sich in die Niederungen des Wahlkampfes stürzen.

Sobald sie ihre Anwartschaft auf das Amt des Staatschefs offiziell erklärt haben, sind sie bloße "Kandidaten" wie die 17 anderen Bewerber (-innen) um das höchste Amt der Republik. Dann kann vieles passieren. 1995 brach Premier Edouard Balladur in den Umfragen plötzlich ein, nachdem er im Januar siegessicher in den dreimonatigen Wahlkampf gestartet war.

Bei den Präsidentschaftswahlen von 1988 hatte François Mitterrand meisterlich vorgemacht, wie man mit einem kurzen Wahlkampf weniger erfahrene Gegner - wie zum Beispiel Chirac - an die Wand spielt.

Das Doppelspiel des Spitzenduos, das die Stichwahl unter sich ausmachen will, stößt in Paris aber zunehmend auf harsche Kritik der anderen Kandidat(inn)en. Die Medien zeigen sich verärgert über die Hinhaltetaktik der zwei "Großen", die im Hintergrund Wahlkampfteams bilden, entsprechende Lokale mieten und an Programmen feilen - aber nicht offiziell kandidieren wollen.

Die Bevölkerung wartet gelassener ab und verteilt die Umfragewerte jeweils gleichmäßig auf Chirac und Jospin, sodass sich diese in den zahllosen Erhebungen stets zwischen 48 und 52 Prozent Stimmen bewegen. (DER STANDARD, Print, 25.1.2002)

STANDARD-Korrespondent Stefan Brändle aus Paris
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