Der Traum der Vernunft gebiert Cato

28. Jänner 2002, 22:58
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25. Jänner 2002

Da sagt man immer, Österreichs Politiker läsen keine Bücher! Ob 's was hilft, steht natürlich auf einem anderen Blatt, es muss sich ja nicht jeder im Labyrinth des Geistes gleich derart verirren wie der ÖVP-Klubobmann. In "NEWS" unterzog sich Andreas Khol unmittelbar nach dem Volksbegehren einer literarischen Proskynese, indem er Folgendes von sich gab: Ich habe die Bücher von Hans Dichand sehr aufmerksam gelesen, vor allem sein "Im Vorhof der Macht". Ich denke, dass Hans Dichand ein aufrechter Demokrat und ein sehr vernunftvoller Mensch ist und auch er seine Schlussfolgerungen aus dem Ergebnis ziehen wird: Der Wille der 15 Prozent ist ebenso zu beachten wie jener der 85 Prozent, die nicht hingegangen sind.

Ich hingegen denke, dass sich die politisch-moralischen Früchte, die Herr Khol so beflissen vom Baum der Erkenntnisse dieses vernunftvollen Menschen pflückt, viel besser an ihren Würmern erkennen und von seiner Agitationsplattform auflesen lassen. Allerdings ist nicht jedem jene Flexibilität verliehen, die es dem ÖVP-Klubobmann etwa auch ermöglicht, seine privaten Verfassungsbögen abwechselnd als FPÖ-umgreifend und FPÖ-ausschließend zu ziehen, je nachdem, ob Jörg Haider gerade bei Fuß geht oder nicht.

Denn was Andreas Khol als die Worte eines aufrechten Demokraten und sehr vernunftvollen Menschen interpretiert, las sich am Dienstag im kleinformatigen Vorhof der Macht so: Wenn man bedenkt, wie von Machtblöcken mit verleumderischer Kraft gegen dieses Volksbegehren vorgegangen worden ist, dann erscheint das Ergebnis tatsächlich als hervorragend. Viele, die unterschreiben wollten, wurden unter Druck gesetzt und gingen unverrichteter Dinge heim. Andere wagten sich gar nicht erst hin. Sie wichen Repressalien aus und schlugen sich lieber in die Büsche.

Da die Grünen ja kaum zu den Machtblöcken dieses Landes gehören und die SPÖ sich - vielleicht nur vorübergehend - in Luft aufgelöst hat, kann es sich bei den Machtblöcken mit verleumderischer Kraft nur um den Bundeskanzler und seinen Klubobmann handeln, was schon ein wenig schmeichelhaft ist, aber wieder nicht so sehr, dass man dem verleumderischen Kraftmeier taxfrei auch gleich den aufrechten Demokraten und sehr vernunftvollen Menschen nachsagen müsste.

Auch am Mittwoch sah es nicht so aus, als wollte der aufrechte Demokrat den Willen der 85 Prozent, die nicht hingegangen sind, ebenso beachten wie den der respektablen 15 Prozent, die ihm ihre Hörigkeit bewiesen. Neuwahlen drohen! Zerbricht jetzt die Regierung, die nie miteinander konnte? fragte er hoffnungsvoll auf Seite 1 und jubilierte: Koalition stürzt in die bisher schwerste Krise! Der Endsieg über Schüssel blieb ihm diesmal zwar verwehrt, aber hoffen wird man doch noch dürfen: Endkrise?

Jetzt ist es soweit, dass diese Koalition zwischen ÖVP und FPÖ am Zerbrechen zu sein scheint. Und der Traum des vernunftvollen Menschen gebiert Ungeheures, vor allem sprachlich: Die jeden Einzelnen von uns bedrohende Gefahr der Atomenergie im Allgemeinen und im Besonderen bei der Behandlung des Temelín-Problems erwies sich als unlösbar. Wo aber Gefahr sich als unlösbar erweist, wächst kein Gras mehr, von Rettendem ganz zu schweigen. Vielleicht könnte ihm Nenning, der ja beim aufrechten Demokraten sonntags auch in Belletristik dilettieren darf, sprachlich ein wenig nachhelfen. Währenddessen kann sich das gequälte Rückgrat wieder einrenken.

So würde man es jetzt in der Öffentlichkeit verstehen, wenn beide Parteien die Konsequenz aus der Lage ziehen und so den Weg zu Neuem frei machen. - Merkwürdig, wann immer Gusenbauer und Van der Bellen dasselbe sagten, nie hat Khol ihnen bestätigt, sie seien aufrechte Demokraten und sehr vernunftvolle Menschen. Da bekommen die grünen und roten G'frieser bloß zu hören, das schwarz-blaue Wendeprojekt eile von einer Jahrhundertreform zur nächsten und dürfe darin keinesfalls gestört werden.

Womöglich hat Dichands biografische Kolportage "Im Vorhof der Macht" im ÖVP-Klubmann eine kynologische Saite zum Klingen gebracht, und auch er will künftig lieber einen Wastl als einen Westl streicheln. Das würde endlich erklären, warum ihm jemand als ein sehr vernunftvoller Mensch erscheint, der in großen Lettern hinausposaunt: So kann es nicht weitergehen!

Spannend wird nur, wie Khol es mit der Vernunft in Einklang bringt, dass es nun dennoch weitergeht.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.1.2002)
Von Günter Traxler
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