Die Schimäre totaler Sicherheit

24. Jänner 2002, 19:26
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Die Hochrüstungspläne von George W. Bush bergen Gefahren in sich - von Christoph Winder

Freudige Überraschung für die Militärs der amerikanischen Reserveoffiziersvereinigung, die sich am Mittwoch in einem Hotel in Washington versammelt haben, um ihrem Präsidenten zu lauschen: George W. Bush kündigte seiner entzückten Zuhörerschaft an, dass er sich im kommenden Monat mit einem budgetären Forderungskatalog für das Militär an den Kongress wenden wird, der sich gewaschen hat.

379 Milliarden Dollar sollen es insgesamt sein, die Bush 2003 für neue Gerätschaft und höhere Löhne, mit denen die Moral der Truppe verbessert werden soll, loseisen möchte, 48 Milliarden Dollar mehr als im diesjährigen Budget. Obwohl die Zahlen für sich genommen eine deutliche Sprache sprechen, ließ es Bush nicht an zusätzlichen Versicherungen fehlen, dass die nationale Sicherheit und der Kampf gegen den Terror an oberster Stelle seiner politischen Prioritätenliste stehen. Wenn Bush - was keineswegs ausgemacht ist - es schafft, sein ehrgeiziges Paket unbeschadet durch den Kongress zu boxen, würde er damit nahtlos an die Tradition seines republikanischen Vorgängers Ronald Reagan anschließen. Der war, obwohl er anders in Erinnerung geblieben ist, in Wahrheit weniger "Reagonom" als vielmehr einer der größten Keynesianer aller Zeiten, der das US-Budgetdefizit in den 80er-Jahren mit einem Hochrüstungsprogramm der Superlative in ebenfalls superlativische Höhen emportrieb.

Der Zeitpunkt, zu dem Bush seine militärischen Ausbaupläne auf Schiene bringen möchte, ist gut gewählt. Der Schock des 11. September sitzt immer noch tief, und der oder die unbekannten Verfasser der Anthrax-Briefe, die die Amerikaner monatelang in Schrecken versetzten, haben der Öffentlichkeit einen schwachen, dennoch eindrücklichen Vorgeschmack davon beschert, was ein mit biologischen Waffen geführter Krieg bedeuten könnte. Zudem könnte das Rüstungsprogramm auch noch der lahmenden amerikanischen Konjunktur den ersehnten Wachstumsschub geben.

Bushs Hochrüstungspläne fügen sich aber darüber hinaus in das größere Bild eines tief greifenden militärischen Umbaus ein, der - Stichwort "asymmetrische Kriegsführung" - mit neuen Mitteln gegen neue Bedrohungen rüsten soll. Vor allem die Errungenschaften der Informations-und Computertechnologie haben die Fantasie der (amerikanischen) Militärs angestachelt. Die unbemannten Drohnen, die die afghanische Landschaft im Flug beäugen und rückmelden, was es dort zu sehen gibt, oder die cleveren Bomben, die sich selbstständig ins Innere von Höhlen vorarbeiten, sind erst ein Anfang. Schon träumen Militärstrategen von Cyber- und Informationskriegen, wo die Soldaten auf den Schlachtfeldern per Computer mit einer entfernten, "allwissenden" Kommandozentrale verbunden sind oder der Feind durch die raffinierte Vorgaukelung künstlicher Realitäten in eine tödliche Informations-Irre geführt wird. Solche Träume, an deren Verwirklichung man in den Waffenlabors dieser Welt arbeitet, binden nicht nur enorme Ressourcen, sie kosten auch ein Heidengeld.

Es wäre zu wünschen, dass sich die Politik nicht nur um hypermoderne Methoden der Kriegsführung sorgt, die angesichts der neuen terroristischen Gefahren durchaus ihre Berechtigung haben mögen, sondern auch den klassischen Mitteln der Kriegsvorbeugung - diplomatische Interventionen oder humanitäre Hilfsaktionen, mit denen internationale Spannungen abgebaut werden - das gebührende Augenmerk schenkt.

Würde die US-Politik die Vorstellung einer durch Militärtechnologie verbürgten totalen Sicherheit zu ihrer einzigen Leitlinie machen, säße sie einer gefährlichen Schimäre auf. Die bittere Lehre, dass auch Milliardeninvestitionen in die letzte Generation von Hightech-Abhörgerätschaften ihr Land nicht vor brutalen Attentätern schützen konnten, haben schon die amerikanischen Geheimdienste nach dem 11. September machen müssen. (DER STANDARD, Print, 25.2.2002)

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