Kopf des Tages: Talib John gibt den Amerikanern Rätsel auf

24. Jänner 2002, 19:14
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Ein freundlicher Mensch auf merkwürdigen Abwegen: John Walker Lindh

Der "heilige Krieger" Abdul Hamid alias John Walker Lindh musste sich Donnerstag erstmals vor einem US-Gericht in Alexandria, Virginia, verantworten: Die Anklage lautet auf Unterstützung terroristischer Organisationen und Verschwörung zur Ermordung amerikanischer Staatsangehöriger. Walker ist am 2. Dezember während einer Gefangenenrevolte in der Festung Mazar-e Sharif von US-Truppen gefasst und danach auf einem Kriegsschiff gefangen gehalten worden. Mittwoch kehrte er unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen in die USA zurück.

Der Übertritt von "Talib John" zum Islam und die Tatsache, dass er auf feindlicher Seite gegen seine eigenen Landsleute gekämpft hatte, ist für die Amerikaner ein Rätsel, dessen Lösung sich jedoch noch nicht abzeichnet.

Der im Februar 1981 in einem Vorort von Washington Geborene wurde von seinen Eltern Frank Lindh und Marilyn Walker im Angedenken an den Beatle John Lennon, der zwei Monate vor Walkers Geburt ermordet worden war, John getauft. Die von Freunden als "sehr ernst, sehr nett, sehr intellektuell" und "liberal im klassischen Sinn" geschilderten Eltern schickten John nach ihrer Übersiedlung nach Kalifornien in eine so genannte "offene Schule", in der es keine regulären Unterrichtsstunden gab.

Dort stieß John auf die Autobiografie von Malcolm X, der sich nach seiner Konversion zum Islam von einem ziellosen Kleinkriminellen in einen der wichtigsten Schwarzenführer Amerikas verwandelt hatte. Zutiefst beeindruckt trat John mit 16 zum Islam über, änderte seinen Namen auf Suleyman und begann, eine nahe gelegene Moschee zu besuchen.

"Er war ein guter Mensch, ein ruhiger Mensch", erzählte Abdullah Nana, der dort gemeinsam mit ihm betete. Später zog er für ein Jahr in den Jemen, um sich dem Studium seiner neuen Religion zu widmen. Er kehrte nach Kalifornien zurück, aber schon acht Monate später setzte er sich für weitere islamische Studien nach Pakistan ab. Später erzählte Walker dem FBI, während seiner Studien habe er sein Herz für die Taliban entdeckt: "Ich wollte ihnen auf die eine oder andere Art helfen." Er berichtete, dass er vergangenen Sommer sieben Wochen in einem Al-Qa'i- da-Trainingscamp ausgebildet worden sei und dort Osama Bin Laden kurz getroffen habe. Für den Kampf gegen die Nordallianz habe er sich freiwillig gemeldet. "Es war genau so, wie ich es mir vorgestellt habe", berichtete er.

Walkers Mutter Marilyn, zunächst gläubige Katholikin, die sich zeitweise auch mit dem Buddhismus auseinandergesetzt hat und mittlerweile von ihrem Mann getrennt lebt, ist der Ansicht, dass ihr Sohn von den Taliban einer Gehirnwäsche unterzogen wurde. (DER STANDARD, Print, 25.2.2002)

Susi Schneider
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