Opernmagie des Schluchzens

24. Jänner 2002, 19:04
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Tenor José Cura an der Wiener Staatsoper, die er in Hinkunft öfters beehren wird

Wien - Als er vor einem Jahr in Wien den Otello sang, hatte José Cura befürchtet, "Freunde" aus Madrid würden sich unters Publikum mischen, um einen Konflikt, der damals medial um die Welt ging, auch in Wien mit der Störung einer Vorstellung auszutragen (mitten in einer Performance hatte sich ein irritierter Cura in Madrid an einige Leute mit unwirschen Worten gewandt).

Die Freunde waren auch tatsächlich da. Es waren aber auch präventiv Bodyguards zugegen, weshalb die Madrilenen nicht länger als zwei Sekunden Zeit und Gelegenheit bekamen, sich negativ und also störend zu äußern. Den Rest besorgte, so Cura, der diese Angelegenheit ad acta gelegt wissen möchte, das Wiener Publikum, das sich an der Performance erfreute.

Die Sache ist vorbei. Bodyguards sind nicht nötig, um die Wiener Vorstellung des Pagliacci vor Zwischenrufern zu schützen - ohne Extraspannung kann man sich Curas Arbeit widmen, die von einer eher lauten (Dirigent: Adam Fischer) und gesanglich nicht extrem bemerkenswerten Aufführung von Cavalleria rusticana eingeleitet wurde (in Erinnerung darf die intensive Violeta Urmana als Santuzza bleiben).

An der Seite eines witzig-facettenreichen Leo Nucci (als Tonio), einer quirlig-präsenten Krassimira Stoyanova (als Nedda) ist Cura zweifellos mehr als ein tenoraler Ritter der strahlenden Töne. Als Canio zeichnet er das Porträt eines selbstbewussten Herrn, der aus bekannten Eifersuchtsgründen der Verzweiflung anheimfällt, um dann im Affekt zwei Leuten den Operntod zu bringen.

Cura ist intensiv, wandlungsfähig. Dynamisch lässt er die Guckkastenkomödie zur Tragödie werden; der Glanz der hohen Töne wird von Momenten begleitet, in denen der Gesang veristisch aus dem Text heraus entwickelt wird. Das führt zu einer Vernachlässigung des Lyrischen, und in tiefen Lagen scheint es da und dort an Präsenz zu mangeln. In Summe aber doch überzeugend. Und alles andere als eindimensional.

In den nächsten Jahren wird es mehr Gelegenheit geben, den argentinischen Tenor zu beobachten. Er wird in Tosca, Stiffelio, André Chénier und Hérodiade zu hören sein; und in der Saison 2004/2005 absolviert er seine erste Staatsopernpremiere (italienisches oder französisches Fach). Am 29. November, im Konzerthaus, ist er übrigens in seiner Doppelrolle als Sänger/Dirigent zu erleben.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2002)

Von
Ljubisa Tosic

  • Cura in 'Pagliacci'
    foto: staatsoper/zeilinger

    Cura in 'Pagliacci'

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