"Sie haben uns inspiziert wie Kleidungsstücke"

24. Jänner 2002, 14:02
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Chinesinnen, die als Prostituierte nach Thailand verkauft wurden, erzählen von der "schmerzhaftesten Erinnerung" in ihrem Leben

Daluo - Henei war 17, als ein Fremder ihr und einer Kusine Arbeit in einem Restaurant der chinesischen Stadt Daluo an der Grenze zu Burma anbot. Arm und ohne Ausbildung freute sie sich über die Chance, ihr Bergdorf vier Autostunden von Daluo entfernt verlassen zu können. Tage später, nach Zwangsmärschen durch Dschungel und langen Fahrten in einem Kleinbus unter den wachsamen Augen bewaffneter Wachleute, gelangten die beiden jungen Frauen in ein Hotel Malaysia, wo sie an örtliche Zuhälter verkauft wurden.

"Sie haben uns inspiziert wie Kleidungsstücke auf dem Markt. Sie haben Fragen nach unserem Alter gestellt und ob wir noch Jungfrauen seien", berichtet Henei. Noch heute, sechs Jahre danach, kommen ihr bei der Erinnerung Tränen des Zorns. Henei, die dem Volk der Akha angehört, gelang die Flucht. Doch tausende weitere Frauen und Mädchen im armen Süden Chinas werden Opfer des wachsenden Frauenhandels mit den wohlhabenden Ländern Südostasiens.

Bis zu 10.000 Chinesinnen nach Südostasien geschmuggelt

Manche werden an Kleiderfabriken oder als landwirtschaftliche Hilfskräfte verkauft. Viele aber landen in Bars und Bordellen und müssen dort als Prostituierte arbeiten. Die Organisation Menschenrechte in China mit Sitz in New York schätzt, dass jährlich bis zu 10.000 Chinesinnen nach Südostasien geschmuggelt werden. Laut der Internationalen Organisation für Migration in Genf werden in der Region rund 300.000 Frauen und Mädchen in sklavenähnlichen Verhältnissen gefangen gehalten.

Die meisten von ihnen kommen aus armen Staaten wie Kambodscha und Burma. Doch ExpertInnen zufolge sucht die Sexindustrie in Thailand, die jährlich 20 Milliarden Dollar Umsatz macht, inzwischen verstärkt in China nach billigen Arbeitskräften. In Thailand fallen immer mehr Chinesinnen dann in die Hände von Verbrechersyndikaten wie den chinesischen Triaden oder der japanischen Yazuka. Sie werden von ihnen in Bordelle nach Malaysia, Japan und sogar in die USA geschickt. Die meisten der Chinesinnen kommen aus Yunnan und Guangxi, zwei der ärmsten Regionen im Südwesten des Landes. Und die meisten gehören ethnischen Minderheiten an, deren Sprache und Körperbau denen der Menschen in Südostasien ähneln.

Angelockt vom westlichen Lebensstil

Manche werden tatsächlich entführt. Die Mehrzahl aber verlässt ihre armen Dörfer freiwillig, angelockt vom westlichen Lebensstil, der im thailändischen Fernsehen, das bis nach Südchina strahlt, angepriesen wird. Weit von zu Hause weg, häufig ohne Bargeld und Reisepass, sind die Frauen leichte Beute für die Verbrecherbanden. Manche werden mehrmals verkauft und gelangen so immer weiter nach Süden. Ungeachtet der bitteren Erfahrungen Heinans hätten seit ihrer Rückkehr 50 der 200 Frauen ihr Dorf in Yunnan verlassen und seien nach Thailand gegangen, berichtet sie. Einige kehren mit genügend Geld zurück, um ein modernes Haus aus Beton mit Toilette zu bauen. Andere dagegen kommen nicht mehr zurück.

Betrogen und eingesperrt

Sie werde niemals den Moment vergessen, in dem sie merkte, dass sie betrogen worden war, sagt Heinan. Der Mann hatte gesagt, das Restaurant mit ihrem zukünftigen Arbeitsplatz liege auf der chinesischen Seite der Grenze. Doch als sie aus dem Fenster des Kleinbusses blickte, sah sie Straßenschilder in burmesischer Sprache. "Es ist die schmerzhafteste Erinnerung meines Lebens. Dann mussten wir aussteigen und Tag und Nacht durch mannshohes Gras gehen. Wir wateten durch Flüsse und krochen über Bambusbrücken, immer in der Angst, von burmesischen Guerillakämpfern entdeckt zu werden."

Wie viel Geld ein Zuhälter für sie und ihre Kusine zahlte, als sie in Malaysia ankamen, weiß sie nicht. Er sperrte sie in ein Hotelzimmer, wo sie gegen die Tür schlugen und so die Polizei auf sich aufmerksam machten. Drei Monate später wurden die beiden Frauen zurück nach China gebracht.

"Wir konnten einfach nicht widerstehen"

Viele andere haben nicht so viel "Glück". Eine Angehörige des Volks der Dai, die anonym bleiben will, musste ein Jahr lang ohne Bezahlung in einem Bordell im südthailändischen Urlaubsort Koh Samui arbeiten. Vor fünf Jahren hatte ein Mann aus ihrem Dorf in Yunnan ihr und einer Freundin Arbeit in einem Nudelrestaurant in Thailand versprochen. Dort könnten sie monatlich 3.000 Yüan (rund 400 Euro) verdienen - erheblich mehr als die 2.000 Yüan jährlich, die das Pflücken von Teeblättern und der Anbau von Zuckerrohr ihrem Vater einbringen. "Der Mann hat immer wieder erzählt, wie viel Spaß das Leben in Thailand macht, und er wollte unseren Eltern später Bescheid sagen. Wir konnten einfach nicht widerstehen", sagt die Frau, die damals 19 war.

Als die beiden Burma erreichten, eröffneten zwei bewaffnete Männer den Frauen, dass sie verkauft worden waren. Das Bordell in Koh Samui zahlte schließlich umgerechnet 3.000 Dollar (3.400 Euro) für jede der beiden. Dort verbrachten sie ein Jahr. Sie lebten in winzigen Zimmern, in denen kaum Platz für das Bett war, in dem sie arbeiteten und schliefen. Sie wurde schließlich von der thailändischen Polizei entdeckt und nach Hause geschickt, völlig mittellos. Ihre Freundin kehrte nie zurück. "Wir mussten unsere Körper verkaufen. Diese Narbe werde ich für immer im Herzen tragen", sagt sie bitter. (AP)

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