Kanzler, Kicker Knickerbocker

29. Jänner 2002, 16:04
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Fußballer auf dem Laufsteg, brodelnde Gerüchteküchen und ein Giorgio Armani, der erklärt, dass ihn Luxus anwidere: In Mailand war Männermodewoche. Thesie Kness-Bastaroli berichtet

Aufatmen in Mailand: Bei der Männermodewoche (13. bis 17. Jänner) schienen die Ereignisse des 11. September vorerst vergessen. So kehrten nicht nur die Einkäufer der großen US-Kaufhäuser zu Europas wichtigstem Treffpunkt für Herrenmode zurück, auch namhafte US-Designer gaben hier diesmal ihr Europa-Debüt. Etwa Ralph Lauren, der mit seinem Fünfziger-Jahre-Revival, modern interpretierten Skihosen und klassischen Tweedanzügen neben Armani, Prada und Gucci zu den Trendsettern für den Herbst/Winter 2003 zählte. Auch die Deutsche Gabriele Strehle zeigte ihre lang erwartete erste Herrenkollektion - mit viel Erfolg. Sie präsentierte, im Gegensatz zu dem neuerlich dominierenden androgynen Look, wie ihn etwa Fendi oder Dolce & Gabbana zelebrierten, eine männliche Mode par excellence (mehr darüber lesen Sie im RONDO der kommenden Woche)

Dass der Mann im Winter 2003 wieder Mann sein darf oder soll, wurde schließlich auch durch eine ganze Riege von Fußballstars bestätigt. Denn die eigentlichen Protagonisten der Mailänder Modeschauen waren diesmal nicht die üblichen Rock- und Popkünstler, sondern die Kicker. Auf dem Laufsteg verteidigten die Teamkollegen des Aufsteigers Chievo, Juventus und Meisters AC Roma ihre Rollen mit Bravour. Sie spielten auf Angriff.

In Mailand gab es diesmal fast mehr Gerüchte als neue Mode. Da wird etwa gemunkelt, dass sich der französische Luxuskonzern LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) auch für Hugo Boss interessiert. Hugo Boss befindet sich derzeit unter den Fittichen des italienischen Textil- und Bekleidungsriesen Marzotto, der auch die Marlboro-Sportmode mit wachsendem Erfolg vermarktet. Wie es heißt, würde LVMH die gesamte traditionsreiche Modegruppe, bisheriges Aushängeschild für den erfolgreichen Familienkapitalismus in Nordostitalien, übernehmen.

Auch über Jil Sander und Helmut Lang wird geflüstert. Die beiden Edelmarken, die der modische Nimmersatt Prada in den vergangenen zwei Jahren übernahm, belasten die Unternehmensbilanz zusätzlich. Denn der Konzern steckt tief in Schulden und könnte sich, nachdem er bereits das Haus Fendi an LVMH verschacherte, nun auch von anderen Marken trennen.

Anders sieht die Situation bei Giorgio Armani aus. Der 67-jährige Stardesigner aus Mailand blieb in den letzten Jahren nicht nur seiner auf Understatement und Qualität getrimmten Mode treu. Auch profitiert Armani derzeit davon, nur auf eine Marke fokussiert zu haben. Die Multimarken-Politik, wie sie zum Beispiel Prada praktiziert, war ihm seit je ein Grauen. Auf die eigene Marke zu setzen, hat sich für ihn bisher gelohnt. Trotz der allgemein schwachen Konjunktur und der Ereignisse des 11. September konnte sein Umsatz im Jahre 2001 um knapp ein Viertel auf 1,27 Mrd. Euro klettern. Damit war Armani jenes Modeunternehmen Italiens, das im Vorjahr am schnellsten gewachsen ist. Und dies, obwohl knapp ein Viertel des Umsatzes in den Staaten getätigt wird.

Übrigens machte Armani bei seiner Emporio-Kollektion eine klare Trendwende: Die Entwürfe sind von der rauen Arbeitswelt inspiriert. "Der Luxus widert mich an", sagt Armani. Weite, an den Hüften angesetzte Hosen, Ledershirts und Schildkappen sind für ihn derzeit stilbildend. "In der Lebensweise der Arbeiter ist noch ein rigoroser Stil zu finden, der nur mit der indischen Esoterik zu vergleichen ist", erklärte der Maestro seine Kollektion.

Aber nicht nur Armani, auch Nobelschneider Brioni überraschte in Mailand: Nicht etwa, dass seine klassisch-edle Kollektion aus dem Rahmen fiel. Neu ist, dass das Unternehmen, dessen Anzüge von Ministern und Kanzlern in der ganzen Welt getragen werden, ab Frühjahr nun auch Damenmode macht - für First Ladies sozusagen.

Gucci schoss mit einer Nostalgieschau aus den Dreißigerjahren wieder mal den Vogel unter den Events ab: 17 weiße Pelzmäntel - sie schienen tatsächlich von Eisbären zu stammen - erinnerten an vergangenen Hollywood-glamour. Neue weite Trenchcoats, um die Taille eng durch einen breiten Gürtel zusammengehalten, breitkrempige Hüte: elegante Klassik, modern interpretiert. So fehlt bei den neuen Gucci-Smokings die Fliege, die Smokingjacken sind superlang, die mit Satin gefütterten Smokingmäntel eine Augenweide. Zum Kultobjekt dürften die Seidentücher werden: Mit einem kunstvollen Knopf um den Hals gebunden, sollen sie künftig die Krawatten ersetzen. Wie Trussardi und Fendi, Valentino und Romeo Gigli favorisiert auch Gucci glänzendes Nappaleder für den kommenden Winter.

Miuccia Prada will wieder dem Substanziellen mehr Platz einräumen und auf Dekor verzichten. Minimalismus pur hieß daher das Motto von Pradas Herrenmode 2003. Ein Gag am Rande waren die an die Hosen applizierten Taschen. Baseballmützen sind wieder in, tagsüber trägt das Prada-Fashion-Victim "verkehrte" Nylonmäntel oder kurze Bomberjacken, abends hüllt es sich ganz in Satin.

Fantasielook bei Moschino, mit Knickerbockern, Hosenträgern und einem bunt zusammengewürfelten Material- und Farbmix. Byblos, das seit kurzem zum Prada-Imperium zählt, ist auf modischer Identitätssuche und experimentierte mit einem von Punk und Romantik inspirierten Stil. Valentino, dessen Imperium noch immer keinen Käufer gefunden hat, versuchte sich im romantischen Zigeunerlook.

derStandard/rondo/25/1/02

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