Der lange Weg zum Dub

26. Jänner 2002, 18:46
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Nach zwei Alben und diversen Soundtracks veröffentlichen die Sofa Surfers nun ihr drittes Album "Encounters"

Er nuschelt und kauderwelscht, wie man es von dem New Yorker Rapper namens Sensational gewohnt ist. Jeb Loy Nichols' Nasenvokale reihen sich in der ihm eigenen, schrägen Weise aneinander, während einige Tracks später Mark Stewart seine bekannt paranoiden Schreie ins Mikrophon bellt. Trotzdem ist alles ein wenig anders. Die Musik, der hier mehr oder weniger bekannte Gastsänger aus dem erweiterten Einzugsgebiet des Dub ihre Stimmen leihen, stammt aus der Feder der Sofa Surfers. Für Encounters, ihr drittes Album, taten die Wiener einen Kunstgriff, wie man ihn etwa von Nick Cave kennt, der sich mit dem Album Kicking Against The Pricks in ein Bezugssystem gesetzt hatte, auf das er Anspruch erhob. Und zwar in dem er nur Material von Musikern interpretierte, in deren Nähe Cave sich künstlerisch sah - oder eben sehen wollte.

Ähnlich verhält es sich auch mit Encounters von den Sofa Surfers, auch wenn Wolfgang Schlögl derlei strategisch anmutende Masterplan-Gedanken verneint: "Es gab keine vorgefertigte Wunschliste von unserer Seite her. Die Kontakte zu diesen Leuten sind meist aus dem Label-Netzwerk heraus entstanden. Aus einer Zeit, in der ich bei Klein Records im Büro gearbeitet und weniger Musik produziert habe. Das Einzige, was diese Künstler gemeinsam haben, ist, dass die meisten in ihrem Genre eher als Randfiguren denn als prototypische Vertreter gelten." Eine Eigenheit, die sie sich mit den Sofa Surfers teilen.

Entstanden ist die vierköpfige Band Mitte der 90er-Jahre, als Michael Holzgruber, Markus Kienzl und Wolfgang Schlögl - unter starkem Eindruck der Clubkultur und ihrem daraus resultierenden neuen Freizeitverhalten - beschlossen, wieder eine Band zu gründen, die diesen Einflüssen gerecht werden sollte. Auf der Suche nach einem Gitarristen, der auch programmieren können sollte, wurden sie bei Wolfgang Frisch fündig. Man schrieb die Zeit des so genannten "Wien Hype", der, ausgelöst von Leuten wie Kruder und Dorfmeister oder dem Phonotaktik-Festival, eine erhöhte internationale Aufmerksamkeit für die elektronische Musik hierzulande bedingte. Als dann Richard Dorfmeister einen Remix für die erste Sofa-Surfers-Maxi fertigte, waren die vier nicht nur sofort ins Eck der Wiener Gemütlichkeit gerückt, sondern auch bald mit einer großen Plattenfirma als Vertriebspartner ausgestattet, die sich bereits beim Debütalbum der Band, Transit (1997), ihr Stück vom Kuchen sichern wollte. Wolfgang Schlögl: "Ohne konkrete Vorstellung, wo wir mit unserer Musik eigentlich hin wollten, galten wir nach außen plötzlich als Protagonisten dieser Szene." Michael Holzgruber: "Dabei entsprachen wir dieser ja nicht unbedingt. Transit klang dafür noch viel zu unentschlossen. Wir haben darauf zwar mit diversen Stilen wie Downtempo, Dub und einer Art Drum and Bass gespielt, aber sehr zaghaft und ohne uns wirklich festzulegen." Und Wolfgang Frisch: "Außerdem wollten wir als Band verstanden werden, die diese Musik live spielt, und nicht als reine Studioproduzenten." Gerade die Live-Auftritte im Anschluss an Transit sollten diese Erwartungshaltungen bei Konzerten in ganz Europa schließlich zurechtrücken. Schlögl: "Es war oft so, dass Leute enttäuscht waren, weil wir live nicht nach lässig loungemäßigem Downtempo geklungen haben, wie das eben viele erwarteten. Andere konnten wir mit unserer Live-Performance dafür angenehm überraschen."

Mit dem Folgealbum, Cargo aus 1999, versuchten sich die Endzwanziger stärker zu etablieren. Die Band beschreibt es als "rau, als Arbeit, die sich der Major Universal wahrscheinlich nicht von uns erwartet oder gewünscht hat. Wir haben jedoch auf Cargo unsere eigene Klangästhetik gefunden, deren Einfluss auf Encounters stark spürbar ist". Cargo gab sich düsterer und mit Anleihen aus dem Industrial-Bereich. Allein der Umgang mit Dub darauf war nicht wirklich gelungen: Zu wenig weit in emotionale Tiefen vordringend erschienen die diesbezüglichen Versuche, die entfernt an den urbanen Hinterhof-Dub des New Yorker Wordsound-Labels erinnerten. Immerhin schuf sich die Band damit eine Reputation, die zu Arbeiten abseits des normalen Musikbusiness führte. Im Sommer 2000 produzierten die Surfers für die Wolf-Haas-Krimi-Verfilmung Komm Süßer Tod von Wolfgang Murnberger den Soundtrack. Und zwar einen klassischen Score. Schlögl: "Die Arbeit mit Murnberger war angenehm und hat uns vor allem finanziell über die Runden gebracht. Das filmische Resultat war uns aber zu kabarettmäßig. Mit Kabarett haben wir nichts am Hut. Für die künstlerische Entwicklung der Band selbst war der Job daher unmaßgeblich."

Selbst wenn sich die Aufregung bei den Sofa Surfers bezüglich ihrer Soundtrackarbeiten spürbar in Grenzen hält, produzierten sie davor bereits einen Score für die Müllmänner-Dokumentation Daydream Nation und im Vorjahr einen für das demnächst anlaufende Roadmovie Nogo von Sabine Hibler und Gerhard Ertl. Die meist vokallosen Tracks der ersten beiden Alben bieten dazu offenbar zeitgeistigen Filmemachern die erwünschte urbane Modernität. Den Sofa Surfers kann das nur recht sein.

Explizit vokallastig ist das nun erscheinende dritte Werk Encounters. Als zentrales Stück ist darauf River Blues enthalten, auf dem erwähnter Jeb Loy Nichols seine charismatisch nasale Stimme erhebt. Der Amerikaner Nichols kreuzte zu Beginn der 90er-Jahre erfolgreich Country-Music mit Dub, was Schlögl als ein persönliches musikalisches Initialerlebnis angibt. Logisch also, diesen Mann zu kontaktieren, wenn man wie die Surfers versucht, sich diversen Aggregatzuständen von Dub zu nähern. Nichols war es, der seinen Freund Mark Stewart als weiteren Vokalisten ins Spiel brachte. Stewart produzierte Ende der 70er-Jahre mit The Pop Group politischen Extrem-Funk, bevor er als Mark Stewart And The Maffia Richtung technoiden Funk mit Dub-Neigung und voller Verschwörungsparanoia ging.

Der Beitrag Stewarts geriet zum krassesten Dub-Model, das Encounters bietet, während Junior Delgado eher die klassische Schule vertritt und sich die Surfers auf Can I Get A Witness zur Stimme von Dawna Lee erstaunlich beseelt zeigen. Bleibt nur die Frage: Warum schreiben und singen die Sofa Surfers eigentlich nicht selbst? Wolfgang Schlögl senkt den Kopf, wirkt ein wenig zerknirscht und sagt: "Ich würde ja gerne selber Songs schreiben, aber ich kann es einfach nicht." Michael Holzgruber und Wolfgang Frisch schweigen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25. 1. 2002)

Von
Karl Fluch

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