Katastrophe wird zum Politikum

23. Jänner 2002, 23:05
posten

Lebensmittel erreichten Goma

Nairobi/Goma - Erste große Lebensmittellieferungen der UNO haben am Mittwoch die nach einer Vulkankatastrophe zerstörte Stadt Goma im Osten Kongos erreicht. Menschen standen an zehn Ausgabestellen Schlange, an denen das UN-Welternährungsprogramm (WFP) Mais, Öl und andere Hilfsgüter verteilte. Neben Erleichterung machte sich auch Empörung breit: Zwei Tage vor dem verheerenden Ausbruch des Nyiragongo hat ein kongolesischer Vulkanologe nach eigenem Bekunden massiv vor einem drohenden Vulkanausbruch gewarnt. Diese Information sei jedoch von den die Region kontrollierenden Kongo-Rebellen ignoriert worden, sagte Dieuxdonne Waffula in Goma.

"Ich habe die Verwaltung der Rebellen davor gewarnt, dass eine schwere Eruption unmittelbar bevorsteht", sagte der Experte von der Vulkan-Beobachtungsstation Goma am Mittwoch. Der Lavastrom habe sich zu diesem Zeitpunkt bereits auf die Stadt zubewegt. Die Guerillaorganisation "Kongolesische Bewegung für Demokratie" (RCD) habe darauf nicht angemessen reagiert.

Ein RCD-Sprecher in Goma dementierte dies. "Es gab keine ausdrücklichen Hinweise darauf, dass die Katastrophe so unmittelbar bevorstand", sagte ein Sprecher, Bizima Karaha. "Waffula hat bereits seit sechs Monaten wiederholt vor einem Ausbruch gewarnt. Den genauen Zeitpunkt konnte er nicht vorhersagen", sagte er. "Wir hätten die Bevölkerung nicht dauernd aus der Stadt leiten können. Damit hätten wir sie nur in Panik versetzt."

Die RCD und ihre Verbündeten aus Ruanda hätten der Vulkanstation alle Hilfe zur Verfügung gestellt, um den zehn Kilometer entfernten Nyiragongo zu beobachten, hieß es. "Seit dem Morgen des verhängnisvollen Donnerstags haben wir die Menschen in Goma stündlich informiert und sie schließlich aufgefordert, die Stadt zu verlassen." Bewohner bestreiten dies: "Sie haben uns im Stich gelassen und sich an uns bereichert", sagte ein Mann in Goma.

Ihre Empörung und Wut richtet sich erstmals seit Jahren zunehmend gegen die Rebellen und ihre Unterstützer im Nachbarland Ruanda. Seit 1998 bekämpft die RCD die Regierung im 1.600 Kilometer entfernten Kinshasa. Nach Jahren des Krieges verbindet die Menschen in Goma keine intakte Straße mehr mit ihrer Hauptstadt.

Hilfsversprechen

Während die Hilfsversprechen ihres jungen Präsidenten Joseph Kabila durch den dichten Dschungel kaum bis zur Bevölkerung drangen, spitzten die Rebellen die Ohren. Neben Geld hatte Kabila die erstmalige Entsendung von Regierungsvertretern nach Goma seit Ausbruch des Bürgerkriegs vor drei Jahren angekündigt. "Wir akzeptieren keinen Besuch aus Kinshasa und lassen nur Hilfe durch Organisationen zu", reagierte RCD-Sprecher Jean-Pierre Lola. Kabila wolle polarisieren und solle jetzt bloß nicht versuchen, die Katastrophe für sich auszunutzen.

Das allerdings hätten die Rebellen schon längst besorgt, meinte ein Stadtbewohner. "Im Chaos des Flüchtlingsstroms kamen sie mit den ruandischen Soldaten und plünderten Essen, Elektrogeräte und alles, was ihnen in die Finger kam", sagt Antoine Simueray. In ihm wie vielen anderen Bewohnern der Trümmerstadt hat das Inferno den Wunsch nach einem endgültigen Frieden nur noch verstärkt. "Kabila", sagt ein anderer Mann, "hat hier jetzt bessere Karten denn je." (APA/dpa)

Share if you care.