180 Fälle von Biowaffenaktivitäten von Terroristen und Kriminellen sind dokumentiert

23. Jänner 2002, 19:52
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Skurril: 1981 setzte Bhagwan Salmonellen als innenpolitisches "Mittel" ein

Ende Juni 1995 fand im Weißen Haus ein Briefing der besonderen Art statt. William Patrick, Exleiter des US-Biowaffenprogramms, schilderte das Szenario eines möglichen Bakterienangriffs auf das World Trade Center: Terroristen verteilen mit Gartensprühanlagen tödliche Bakterien, 25.000 Menschen werden infiziert. Patricks Schlusswort: "Meine Frage ist heute nicht, ob Terroristen eine biologische Waffe verwenden werden, sondern wann und wo." Nur allzu gut hatten die Geheimdienste den ersten Terroranschlag in den USA mit Biowaffen in Erinnerung. Geführt hatten ihn scheinbar harmlose Sektierer 1984.

Im Bezirk Wasco County in Oregon siedelte sich 1981 eine aus Indien stammende Sekte, geführt von Bhagwan Shree Rajneesh, an. Dort sollte eine Kommune entstehen, die das Credo ihres "Erleuchteten Meisters" lebt: Schönheit, Liebe, Sex. Einige Einwohner des Bezirks protestierten gegen die "Orgien". Die Sekte beschloss, bei der Wahl 1984 die Kontrolle über Wasco County zu übernehmen und verfiel auf den Plan, die Einheimischen durch den Einsatz eines Erregers - Salmonella typhimurium - an der Teilnahme zu hindern. Die Behörden verzeichneten dann tatsächlich 751 Fälle von Salmonellenvergiftung, Todesopfer forderten die Anschläge nicht. Ein Jahr später enthüllte der Erleuchtete Meister persönlich die Umtriebe "hinter meinem Rücken". Zwei verantwortliche Frauen mussten je vier Jahre Haft absitzen. Der Bhagwan zahlte 400.000 Dollar an Bußgeld und verließ für immer die USA. In einer Studie der National Defense University wurden 180 Fälle von Biowaffenaktivitäten von Terroristen und Kriminellen im 20. Jahrhundert bis Februar 2001 dokumentiert. Die große Mehrheit davon waren Drohungen oder "Scherze". In 33 Fällen verfügten die Täter über biologische Agenzien, in 21 davon brachten sie die Keime zum Einsatz.

Das Aum-Attentat von Tokio

1995 schockierte ein Nervengasanschlag in der Tokioter U-Bahn die Welt. Verantwortlich war die japanische Endzeitsekte Aum Shinrikyo. Fünf Sektenmitglieder bestiegen, ausgerüstet mit Plastikbeuteln, in denen sich eine Lösung von jeweils 600 Gramm Sarin befand, mehrere U-Bahn-Züge, die alle auf die Station Kasumigaseki zufuhren. Am Höhepunkt der morgendlichen Stoßzeit trafen sie dort ein. Als die Züge hielten, stachen sie Löcher in die Plastikbeutel, durch die das Nervengas ausströmte. Tausende Menschen in den Waggons und auf den Bahnsteigen wurden verletzt, zwölf Personen starben.

Der Kult erwartete die bevorstehende Apokalypse. Sein Gründer Shoko Asahara beschwor die Vision eines unausweichlichen großen Krieges, nach dem die Sekte die Weltherrschaft übernehmen wollte. Die Anhängerschaft umfasste zur Blütezeit 40.000 Mitglieder weltweit. Vor allem bemühte sich Asahara, Wissenschafter zu rekrutieren.

Schon früh beschäftigte sich der Kult mit der Herstellung von Massenvernichtungswaffen. Sein "Gesundheitsminister" Seichi Endo, ein Mikrobiologe, war sich schon 1990 sicher, dass Aum in der Lage ist, waffenfähiges Botulinumtoxin zu produzieren. 1995 deponierten Sektenmitglieder in der Tokioter U-Bahn Aktentaschen, aus denen mithilfe von batteriebetriebenen Ventilatoren Botulinumtoxin verströmt werden sollte. Dieser Angriff wurde vereitelt. Nach dem Sarin-Attentat wurden Asahara und zahlreiche führende Sektenmitglieder verhaftet. Die 1996 begonnenen Prozesse können ein Jahrzehnt dauern.

Im Jänner 2000 erklärte eine neue Führung Asahara für abgesetzt, die Sekte werde keine Anweisungen ihres Gründers mehr befolgen und fortan den Namen "Aleph" tragen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2002)

Schon Jahre vor den Anthrax-Attentaten der vergangenen Monate haben US-Experten befürchtet, dass Terroristen vermehrt biologische Waffen einsetzen würden. In dieser Folge des Buchvorabdrucks über die gefährlichsten Waffen der Welt geht es um zwei besonders spektakuläre Fälle aus dem Milieu religiös motivierter Gruppen.

Themenseite "Bioterror"
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