Der Tod lässt grüßen

27. Jänner 2002, 11:00
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Dem Kasseler Museum für Sepulkralkultur ist kein Aspekt des Tabuthemas fremd

Kassel - Der Tod ist an diesem Ort allgegenwärtig. Am 24. Jänner wurde das Museum für Sepulkralkultur in Kassel zehn Jahre alt. In dem Museum für Trauerkultur und Friedhofs- und Bestattungswesen werden Zeugnisse des Umgangs mit dem Tod ausgestellt. Der Begriff Sepulkralkultur ist abgeleitet vom lateinischen "sepulcrum" (Grab, Grabstätte) und umfasst alle kulturellen Erscheinungsformen, die mit Totenbestattung und Totengedenken zusammenhängen.

Gegenstände mit Bedeutung

Selbst kleine Gegenstände wie ein Schlüssel in einer Glasvitrine erzählen ganze Geschichten über Trauer oder auch die Angst vor dem Tod. "Mit dem Schlüssel wurden früher die Särge abgeschlossen", berichtet die Kulturwissenschafterin Jutta Lange. Für die Angehörigen war dies eine Art Sicherheitsmaßnahme. "Die Menschen hatten Angst vor den so genannten Wiedergängern, Toten, die aus dem Sarg wieder auferstehen und umherwandeln." Zu den auffälligsten Ausstellungsstücken gehören prächtige Leichenkutschen oder die reich verzierten Übersärge der adligen Familie Stockhausen aus Trendelburg aus dem 17. und 18. Jahrhundert. "Die Toten wurden in solchen Übersärgen aufgebahrt", erklärt Lange.

Ornamente, eine aufgemalte verloschene Kerze oder eine abgelaufene Sanduhr auf dem Sarg versinnbildlichten den Tod. "Im Museum ist auch ein namenloser Zwillingskindersarg aus dem 18. Jahrhundert zu sehen", sagt Lange. Da die Kinder nicht getauft worden waren, seien sie ohne Namen bestattet worden. Im Mittelalter sei es jedoch üblich gewesen, die Toten in Leichensäcken zu beerdigen. "Die meisten konnten sich keine Särge leisten", berichtet die Kulturwissenschafterin.

Schenk-Kultur der andren Art

Auch alte Leichenhemden finden sich im Museum. "Diese wurden zur Konfirmation oder Kommunion verschenkt", sagt Lange. Denn viele der beschenkten Frauen seien bereits bei der Geburt ihres ersten Kindes gestorben. Die Angehörigen mussten dann kein Leichenhemd mehr für die Verstorbene anschaffen.

Mitunter war es für die Verwandten aus gesundheitlichen Gründen schwierig, die Toten auf dem entfernt liegenden Friedhof zu besuchen und ihrer zu gedenken. Abhilfe konnte dann ein so genannter Zimmerkenotaph schaffen, eine aus Haaren des Verstorbenen geflochtene, kleine Gedenkgrabstätte. "Die Haare wurden aber bereits zu Lebzeiten abgeschnitten und aufbewahrt", sagt Lange.

Betrachtungssärglein versus Verdrängung

Dass der Tod für die Menschen im 18. und 19. Jahrhundert allgegenwärtig war, zeigen im Museum auch kleine Betrachtungssärglein aus dem 18. und 19. Jahrhundert mit einem darin befindlichen grünlichen Leichnam aus Holz. Der kleine Sarg diente zur Betrachtung und Meditation über den Tod. "Solche Betrachtungssärglein wurden aber auch unter Türschwellen eingemauert, um den Tod fernzuhalten", erklärt die Expertin. Vor allem in ländlichen Gebieten seien die "Särgl" von fahrenden Händlern feilgeboten worden.

Heutzutage wird das Thema Tod von den meisten Menschen verdrängt. "Dabei ist es ein gesünderer Umgang, sich mit dem Tod auseinander zu setzen", meint Lange. Richtig Trauern bedeute schließlich, mit dem Verlust einer liebgewordenen Person fertig zu werden und dies zu verarbeiten. (APA/AP)

  • Ein sogenanntes "Betrachtungssärglein"
    foto: museum für sepulkralkultur

    Ein sogenanntes "Betrachtungssärglein"

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