Sie will aus ihrer Haut heraus

23. Jänner 2002, 18:32
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Abschiedsbrief: 27 Jahre alt, von sie ben bis 18 vom Stiefvater sexuell missbraucht

Im Mai 2000 wollte Lena aufhören. „Ich will aus meiner Haut heraus“, schrieb sie. Ihr Freund fand den Abschiedsbrief und verständigte die Polizei. Dort gab Lena ihre Zahlen be kannt: 27 Jahre alt, von sie ben bis 18 sexuell miss braucht. Der Stiefvater wur de verhaftet. Heute, beim Prozess, sagt er: „Ich konnte mich ihrer nicht erwehren.“

Es war ein Martyrium in zwei Etappen. Mia, Lenas kleine Schwester, erzählte im Unterricht zum Thema Kindesmissbrauch - von da heim. Die Schulleitung wandte sich an die Mutter. Die wusste Bescheid. Sie hatte ihren Mann mit der Großen schon einmal im Bett erwischt. Damals hatte sie es nicht glauben wollen.

Unter Druck der Schule suchte die Familie eine Bera tungsstelle auf. Im Beisein aller Beteiligten wurde über die Übergriffe gesprochen. Auch Mia war missbraucht worden, Lena bereits acht Jahre lang. Der Stiefvater versprach, sich einer Einzel therapie zu unterziehen. Auf eine Anzeige wurde verzich tet. Wenig später brach der Mann die Therapie ab. War die Mutter außer Haus, wandte er sich wieder den Mädchen zu.

Der Angeklagte behauptet zwar, er bekenne sich schul dig, aber es stimmt nicht. Mit Mia soll nie etwas gewesen sein. Und von Lena sei er von Anfang an überrumpelt worden. „Sie hat immer pro biert, mich abzugreifen“, sagt er. „Sie hat mich mit meiner Frau im Bett gesehen und war neugierig.“ Als sie 13 war, „wollte sie es auch einmal erleben“. Er hätte versucht, zu widerstehen. „Aber sie hat alles mit mir gemacht. Sie war so lästig.“ Nach der Therapie „war es leichter für mich“, sagt der Angeklagte. Erstens war die Große schon 15. Zweitens „hatten wir es ja schon ge macht“. - „Da war dann die Hemmschwelle niedriger“, hilft der Richter. Der Ange klagte nickt. „Unge schützt?“, fragt der Richter. - Ja, ungeschützt. „Das Leben mit der Fami lie war eine Katastrophe“, sagt der U-Häftling: „Denn ich habe meine Frau geliebt.“ - Sein Glück, dass der Pro zess zur Einvernahme der Opfer vertagt wird (Daniel Glattauer, DER STANDARD Print-Ausgabe 24.1.2002)

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