Das Salz in der Suppe

23. Jänner 2002, 20:45
posten

Texta aus Linz bieten eine unpeinliche Alternative im deutschsprachigen HipHop

Während sich deutschsprachiger HipHop trotz oder wegen seines kommerziellen Erfolges oft an der Grenze der Peinlichkeit bewegt, bieten Texta aus Linz mit "Blickwinkel" eine Alternative.


Wien - "Hip! Hop! machen bei uns nur die Lipizzaner gut." Auf derlei Vorurteile gegen deutschsprachigen HipHop konnte man noch vor wenigen Jahren stoßen. Fehlende (Getto-)Authentizität wurde bemängelt und die formale Annahme einer Musik, die als gesellschaftspolitisches Sprachrohr der benachteiligten schwarzen Bevölkerung in Amerika entstand, als Nötigung betrachtet.

Derlei Grundsatzdiskussionen führt man heute nicht mehr. Deutschsprachiger Hip- Hop wurde unter Mithilfe von MTV und Viva zu einer populären und wirtschaftlich erfolgreichen Großmacht.

In die Quantität ihrer Veröffentlichungen schleicht sich jedoch nicht erst seit gestern eine inhaltliche Ausdünnung ein, die die Resultate oft an die Grenze der Erträglichkeit führt. Erfolgreiche Protagonisten wie Xavier Naidoo verwechseln sich im Größenwahn plötzlich mit Soulsängern und verfassen pseudoreligiöse Manifeste.

DJ Koze alias Adolf Noise drängt HipHop mit Peinlichkeiten wie Deine Reime sind Schweine in Gefilde halblustigen Kabaretts ab. Jan Delay flüchtet in den Reggae, während Künstler wie Denyo in Interviews, in denen ihre Haltung stärker hinterfragt wird, über europäische Mittelstand- widersprüche stolpern.

Die Alternative

Man braucht also gar nicht erst an die Geschichte und die Ursprünge von HipHop zu denken, um sich kopfschüttelnd abzuwenden. Bezeichnend ist es, dass weniger beachteter HipHop deutscher Zunge sich als angenehme Alternative erweist. Texta aus Linz, die eben ihr viertes Album Blickwinkel veröffentlichten, sind eine solche.

Harald "Huckey" Renner, 35 und MC bei Texta, über deutschen HipHop: "Wir orientieren uns musikalisch eher an amerikanischem Rap. Aber durch den Umstand, dass auch wir deutsch rappen, kann man Deutsch-HipHop nicht gänzlich aussparen. Formal klingt halt vieles sehr ähnlich, und auch die textliche Qualität schwankt oft beträchtlich."

Auf ihren bisherigen Alben unterstrichen die Linzer, dass sie ihrerseits nicht bereit sind, die ihnen wichtigen Inhalte auf Kosten größerer Verkaufschancen aufzugeben. Texta-Stücke - auch auf Blickwinkel - sind geprägt von persönlichen Ansichten samt Selbstzweifel - eine Seltenheit in einer sich sonst oft als Maß aller Dinge darstellenden Kultur.

Damit stehen Texta in der Tradition des sich selbst und sein Tun ständig hinterfragenden Conscious Rap, der in dem Stück Text Versus Autor am deutlichsten zutage tritt. Huckey: "Darin machen wir uns Gedanken um die Verantwortung, die man als Texter hat. Es geht darum, wie Aussagen ein Eigenleben entwickeln können, eine Eigendynamik bekommen, und um die Gefahr, die darin liegt." All das nehmen die MCs Laima, Flip, Skero, Dan und Huckey aus ihren "Blickwinkeln" unter die Lupe.

Anderen Dingen steht Texta als Kollektiv misstrauisch gegenüber. Etwa in Bist Du Sicher? - dieser Track illustriert die Ängste, die die eines durchschnittlichen Kronen Zeitung-Lesers sein könnten und kommt zu einer traurigen Einsicht: Die Botschaft der Angst mündet in der Bereitschaft, den eigenen Lebensraum zugunsten von Überwachung und institutionalisierter Kontrolle zusehends aufzugeben. Dass Texta bei so viel Eigenreflexion ein Patzer wie die eher peinliche Nummer Verdächtig passiert, ist da fast schon sympathisch.

Die Speerspitze

Musikalisch entwickelten Texta über die Jahre eine elegante Versiertheit, die auf Blickwinkel in stringenten Arrangements mit Streichern und ohne unnötig protzende Beats oder allzu exzessives Scratching erscheint. Zusammen mit den Wiener Waxolutionists bilden Texta die Speerspitze heimischen Hip- Hops und lassen so manche Acts, die nur bis Eins Zwo zählen können, ganz schön blass aussehen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2002)

Von
Karl Fluch

Texta live:
24. 1. Flex, 1., Wien, Donaukanal. Beginn: 22.00
25. 1. Linz, Joe's Bar, Arcotel, Untere Donaulände 9. 21.00
Share if you care.