Wirtschafts-Nobelpreisträger kritisiert IWF-Politik

23. Jänner 2002, 15:58
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Vortrag in Wien: "Nicht Globalisierung ist schlecht, sondern was Regierungen daraus machen"

Wien - Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz hat bei einem Festvortrag am Mittwoch in Wien einmal mehr die Politik des Internationalen Währungsfonds (IWF) heftig kritisiert. Fast allen Entwicklungsländern gehe es nach der Anwendung von IWF-Rezepten heute schlechter als vor zehn Jahren. Auch die unter Thatcher und Reagan beliebte Privatisierungspolitik habe sich nicht bewährt, sagte Stiglitz in seiner Rede anlässlich des 75-jährigen Bestehens des österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo), bei der er Phänomene der gegenwärtigen Wirtschaftspolitik einer kritischen Beurteilung unterzog.

Eine zu rasche Privatisierung in Kombination mit einer Liberalisierung des Kapitalmarktes sei gleichsam "eine Einladung für Desaster", sagte Stiglitz. Dafür lege eine lange Reihe von Finanzkrisen in den vergangenen Jahren beredt Zeugnis ab, Südostasien, Russland und Argentinien seien nur die aktuellsten Beispiele. Durch die - vom IWF nahegelegte - Kombination aus voreiliger Privatisierung und Liberalisierung der Kapitalmärkte seien zahlreiche Entwicklungsländer in die Krise geschlittert. Kein Wunder: Nicht einmal das Finanzsystem der USA könnte dem schlagartigen Hereinströmen von Dollarmilliarden über Nacht standhalten.

Siglitz: Demokratische Legitimation fehlt

Viele wirtschaftspolitische Entscheidungen würden ohne demokratische Legitimation fallen: Im Internationalen Währungsfonds (IWF) verfügten de facto nur die USA über ein Vetorecht. Der IWF handle einschneidende Maßnahmen für einzelne Länder nur mit den Finanzministern und Notenbankgouverneuren aus, sonst habe dabei niemand eine Stimme.

In den Ländern Mittel- und Osteuropas und insbesondere in Russland, wo die zentrale Planwirtschaft scheiterte, lägen zum Teil auch zehn Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs die Einkommen unter dem Niveau von vor 1989. In Russland setze sich die Überzeugung durch, "dass die Marktwirtschaft noch schlimmer ist, als die Kommunisten damals behaupteten", so der Befund des Nobelpreisträgers.

Globalisierung nicht schlecht

Nicht die Globalisierung selbst sei schlecht, mitunter aber das, was Regierungen aus ihr machten. Zum ersten Mal befänden sich heute alle drei großen Wirtschaftsräume, die USA, Japan und Europa, im Abschwung. Der Terrorismus sei die dunkle Seite einer globalisierten Welt. Globale Probleme wie Umweltverschmutzung, die globale Erwärmung oder der Kampf gegen AIDS müssten gemeinsam behandelt werden, die Finanzierung könnte beispielweise durch Sonderziehungsrechte oder durch eine Tobin-Steuer erfolgen.

Stiglitz, der u.a. Berater von US-Präsident Bill Clinton und Chefökonom der Weltbank war, wurde im Vorjahr für seine Theorie von der Unvollkommenheit der Märkte mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet. (APA)

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