Abschieds-Ovationen für Yves Saint Laurent

24. Jänner 2002, 14:55
posten

Paris bereitete zukünftigen Mode-Pensionisten eine Trauerfeier- Kaufhaus"Galeries Lafayette" verhängte seine Schaufenster

Paris - Grandioser Abschied für einen Giganten der Modebranche: Als Catherine Deneuve zum Mikrofon griff und Yves Saint Laurent ein Lied sang, erhoben sich die Zuschauer und applaudierten stehend. Nach 45 Jahren Modegeschichte betrat Saint Laurent ein letztes Mal als gefeierter Star den Laufsteg. Allein 40 Jahre entwarf er unter eigenem Namen. In einem fast eineinhalbstündigen Defilee ließ der Designer, neben Coco Chanel und Christian Dior einer der ganz Großen, seine Karriere am Dienstagabend im Pariser Centre George Pompidou Revue passieren. 2.000 geladene Gäste verfolgten das Ereignis im Forum des Hauses, mehrere tausend vor zwei Großbildleinwänden auf dem Vorplatz.

Yves Saint Laurent (65), kurz YSL, zeigte noch einmal alle Modelle, die ihn zu einem der einflussreichsten Designer der Geschichte machten: die Safarijacken und die durchsichtigen Blusen aus dem Jahre 1968 oder die Mondrian-Kleider von 1965. Immer wieder ließ er sich von Folklore inspirieren, ganze Kollektionen waren gekennzeichnet von modischen Einflüssen aus Russland, China, Afrika oder Spanien. Insgesamt 300 Modelle gingen am Dienstag über den Laufsteg, vorgeführt von Top-Mannequins wie Claudia Schiffer, Naomi Campbell und Jerry Hall.

Smoking für Frauen

Seiner wohl wichtigsten Neuerung, dem Smoking für Frauen, blieb am Dienstag das Finale vorbehalten. 1966 zum ersten Mal präsentiert, gehörte er fortan in unzähligen Varianten in jede Kollektion. Zu diesem bewegenden Schlussbild erhob sich Catherine Deneuve und sang a cappella "Ma plus belle histoire d' amour, cest vous" (Meine schönste Liebesgeschichte, das sind Sie) - ein Lied der 1997 verstorbenen Chansonsängerin Barbara.

Deneuve und Yves Saint Laurent verbindet eine lange Freundschaft. Saint Laurent stattete sie unter anderem in einem ihrer wichtigsten Filme aus, "Belle de Jour" (Schöne des Tages, 1967). Sichtlich bewegt umarmte die sonst so unterkühlt Wirkende den selbst im Smoking gekleideten Designer.

Über einen roten Teppich betraten die geladenen Gäste zwei Stunden zuvor das Museum, darunter die französische Präsidenten-Gattin Bernadette Chirac sowie die Schauspielerinnen Laetitia Casta und Lauren Bacall. Die Liste der anwesenden Designer las sich wie ein "Who is Who" der Modebranche: Jean-Paul Gaultier, Sonia Rykiel, Vivienne Westwood und Hubert de Givenchy. Gerade in Givenchy sah Pierre Berge, Saint Laurents langjähriger Vertrauter und Geschäftspartner, den letzten ebenbürtigen Konkurrenten. Dieser dankte 1996 ab. "Wie soll man aber Tennis spielen, wenn der Gegner fehlt", beklagte sich Berge immer wieder.

Haute-Couture-Dauerkundin Mouna Ayoub hatte bei der Show ihr persönliches Deja-vu-Erlebnis. "Ich habe immer nur gedacht, dass Kleid habe ich zu Hause und das auch. Es müssen fast 400 sein", meinte die Libanesin, die nach eigenen Angaben insgesamt weit mehr als 1.200 Modelle aus den Pariser Maßateliers besitzt.

Zeitweilig entstand der Eindruck, YSL sei gestorben

Die ganze Stadt nahm indes Anteil an dem Abschied. Das Kaufhaus "Galeries Lafayette" verhängte seine Schaufenster und beschrieb sie mit einem Zitat Saint Laurents. Das Schmuckunternehmen Cartier schaltete in der Tagespresse eine ganzseitige Anzeige mit dem Konterfei des Designers, verbunden mit einer Danksagung. Und die Tageszeitung "Le Monde" verteilte noch vor dem großen Ereignis eine Sonderausgabe. Zeitweilig entstand der Eindruck, Yves Saint Laurent sei gestorben.

Und so gab es auch kritische Stimmen, gerade unter den Kollegen des Modeschöpfers. Sie alle präsentierten in diesen Tagen ihre Haute Couture Kollektionen Frühjahr/Sommer 2002 und fürchteten um die entsprechende Resonanz. Karl Lagerfeld sprach schon am Sonntag von "Dramatisierung", Christian Lacroix legte am Dienstag nach und verglich die Stimmung mit einem Staatsbegräbnis. Er selbst zeigte nur zwei Stunden zuvor eine wunderschöne Kollektion mit überraschend viel Weiß, traumhaften Patchwork- und Korsagenvarianten.

Für viele war dieser Tag ohnehin nur der Schlusspunkt unter einem Prozess, der bereits 1999 begann. Damals kaufte der Multiunternehmer Francois Pinault die Marke YSL. Später veräußerte Pinault die Segmente Pret-a-Porter (die Konfektion) und Kosmetik weiter an die italienische Gucci Gruppe, deren Designer Tom Ford die kreative Leitung übernahm. Yves Saint Laurent selbst konzentrierte sich nur noch auf die Haute Couture. Pierre Berge betonte stets, das Maßatelier zu schließen, sollte Saint Laurent einmal aufhören. (APA/dpa)

Share if you care.