"Leibeigener" und Sprachbezwinger

23. Jänner 2002, 14:31
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Der Autor Franz Innerhofer (1944 - 2002) beging Selbstmord - "Schöne Tage" werden in memoriam im Fernsehen gezeigt

von Ronald Pohl


Graz - Betrachtet man die Sprachskepsis als den eigentlichen Wurzelgrund der literarischen Moderne, so wird man sie trotzdem scheiden: In dem einen, unverschämt gut aufbereiteten Boden zog der junge Götterliebling Hugo von Hofmannsthal zum Jahrhundertanfang seinen fein ausgebildeten Sprachekel hoch.

Er bekannte hinter der puderbleichen Maske des "Lord Chandos", dass ihm die Wörter wie "modrige Pilze" im Mund zerfallen müssten, und gab zu verstehen, dass er sich an der Kostbarkeit der eigenen Sprache einfach schamlos überessen hätte. Ein klassisches Luxusproblem aller Hochgezüchteten; an Hofmannsthals Ekel aß sich indessen die Literaturnomenklatur erst ausreichend satt. Ein Autor wie der Wahlsteirer Franz Innerhofer, der als mutmaßlicher Selbstmörder gestern tot in seiner Wohnung in Graz-Gries aufgefunden wurde, stak in einem anderen, schütteren Lößgrund.

In seinem beinahe sprichwörtlich gewordenen Roman Schöne Tage (1974) kam etwas in Österreich bis dato Unerhörtes zur Sprache: Ein uneheliches Landarbeiterkind arbeitete sich nicht nur unter unsäglichen Mühen an den Verhältnissen in der Salzburger Einschicht ab. Es gewann mit seiner eben nicht "naturwüchsig" ihm zukommenden, sondern gegen übermächtige Kräfte erworbenen Sprachkompetenz die (leidliche) Verfügungsgewalt über seine (traurige) Existenz zurück. Innerhofers Werk ragt somit aus einer Zeit herauf, als man "Herrschaftsverhältnisse" in Österreich, gewiss unter dem begünstigenden Einfluss der Ära Kreisky, auch als solche endlich zu benennen begann. Das literarische Österreich arbeitete in einem Hysterietempo, das allen geschichtlich Verspäteten zukommt, das Planthema "Arbeitswelt" erschöpfend ab. Es begannen entbehrungsreiche Stolperkurse über die zweiten und dritten Bildungswege.

Es folgten bis 1977 die Romane Schattseite und Die großen Wörter, und Innerhofers "Holl" erlebte seinen Bildungs- und Entwicklungsroman, genoss die Privilegien einer sich aufschließenden Gesellschaft und verschwand: im Sand der Verhältnisse. Mag sein, dass Innerhofers Literatur mit der Beschreibung ihrer Antriebe auch schon wieder aufgezehrt war. Der Autor flüchtete zeitweise nach Italien; betrieb in Graz, mit wenig Erfolg, eine romanische Buchhandlung. In der postmodernen Wissensgesellschaft schien er verloren - und von jenem Boden abgeschnitten, von dessen glücklicher Bearbeitung seine Bücher zeugen. Der gebürtige Salzburger war 57 Jahre alt.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.01. 2002)

in memoriam Franz Innerhofer
"Schöne Tage"
Fritz-Lehner-Verfilmung
26. Jänner
9:35 Uhr, ORF 2

Der 1980 entstandene Streifen schildert das Leben auf einem Bergbauernhof aus der Sicht eines Kindes und basiert auf Innerhofers gleichnamigem, 1974 entstandenen autobiografischen Roman.
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