Fast jeder Todesfall durch Darmkrebs ließe sich verhindern

23. Jänner 2002, 14:04
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Pro Jahr erkranken rund 5.000 Österreicher

Wien - Eine Tragödie, die nicht unausweichlich ist: Pro Jahr erkranken rund 5.000 Österreicher an Darmkrebs. Etwa 2.500 Menschen erliegen dem Leiden, weil es einfach zu spät entdeckt wird. Würden alle Menschen ab 50 alle fünf bis zehn Jahre zu einer Vorsorgeuntersuchung gehen, ließe sich hingegen die Sterblichkeit dramatisch senken. Das erklärten am Mittwoch österreichische Fachleute bei einer Pressekonferenz in Wien.

"Wir hatten im Jahr 1998 in Österreich 4.919 Neuerkrankungen an Dickdarmkrebs. 50 Prozent der Patienten sterben im Laufe der nächsten Jahre. Zehn Prozent der Tumoren entstehen auf erblicher Basis. 90 Prozent entstehen aus (zunächst noch gutartigen, Anm.) Darm-Polypen. Hier ist die große Chance, diese Polypen abzutragen, bevor sie zu einem Tumor werden", erklärte Univ.-Prof. Dr. Brigitte Dragosics, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie.

Zeiträume

Vorbedingung für ein solches Eingreifen, das die Sterbefälle an Dickdarmkarzinomen - in der Häufigkeit bei Männern nur vom Protatakrebs und bei Frauen nur vom Brustkrebs "geschlagen" - praktisch beseitigen könnte: Die endoskopische Untersuchung (Koloskopie) des gesamten Darmes.

Brigitte Dragosics: "Das Alter, ab dem sich Polypen im Darm bilden und Tumoren langsam zu entstehen beginnen, liegt bei 40 Jahren. Sie haben eine Verdopplungszeit von zwei Jahren. Bis ein Karzinom vorliegt, vergehen rund zehn Jahre."

Genau das aber wäre der Zeitraum, in dem man derartige zunächst noch gutartige Adenome oder beginnende Karzinome im Darm bei der "Spiegelung" entdecken und im selben "Arbeitsgang" entfernen könnte. Dann wäre die Angelegenheit beseitigt.

"Okkultes Blut"

Darmkrebs-Verdachtsfälle könnten auch durch eine jährliche Stuhluntersuchung auf "okkultes Blut" entdeckt werden. Doch die Auswirkung auf die Mortalität in Folge von Darmkrebs durch solche Tests ist nicht optimal. Univ.-Prof. Dr. Christian Müller von der Universitätsklinik für Gastroenterologie am Wiener AKH: "Dazu gibt es drei große Untersuchungen mit zusammen rund 300.000 Patienten. In einer US-Studie konnte die Mortalität (durch regelmäßige Hämokkult-Tests, Anm.) um 33 Prozent verringert werden, in zwei weiteren um 15 bzw. 18 Prozent." - Mehr wäre wünschenswert und machbar!

Einen wesentliche größeren Einfluss könnte jedenfalls die regelmäßige Koloskopie haben. Müller: "Bei zwei Drittel der Darmkrebspatienten wird die Erkrankung zu spät erkannt. Wir fühlen die Zeit reif dafür, dass man eine Koloskopie ab dem 50. Lebensjahr alle fünf bis zehn Jahre empfiehlt." Die Entdeckung von Darmpolypen und ihre Beseitigung verhindert nämlich das Entstehen von Darmkrebs zu bis zu 90 Prozent.

Burgenländisches Beispiel

Eindeutige Hinweise auf den Wert von Vorsorgeuntersuchungen hat Oberarzt Dr. Karl Mach vom Krankenhaus Oberpullendorf in dem burgenländischen Bezirk gesammelt: Dort läuft ein von den Gemeinden mit getragenes Programm, bei dem alle Einwohner ab 40 ein Mal im Jahr die Hämokkult-Tests als erste Screening-Untersuchung zugestellt bekommen. Bei Verdacht wird danach eine Koloskopie durchgeführt. Der Experte: "Die Beteiligung liegt bei rund 30 Prozent. Wir wollen die Aktion Burgenland-weit durchführen."

Im Bezirk Oberpullendorf haben seither die Teilnehmer an der Vorsorgeaktion wesentlich bessere Chancen, dem Tod durch Dickdarmkrebs zu entgehen: Unter den Personen, welche den Test machen, liegt der Anteil der im Frühstadium (Dukes A) entdeckten Dickdarmkarzonome bei 54 Prozent, bei den Nichtteilnehmern hingegen nur bei 23 Prozent. Im Stadium Dukes A beträgt die Überlebenswahrscheinlichkeit 90 Prozent.

Umgekehrt lag der Anteil der im fortgeschrittensten Stadium entdeckten Dickdarmkarzinome bei den Teilnehmern an dem Programm nur bei sechs Prozent. Bei Nichtteilnehmern betrug der Anteil der Kolonkarzinom-Erkrankungen im Stadium Dukes D und ohne Heilungschance hingegen 29 Prozent.

Makro-Ebene

Eine umfassende Dickdarmkrebs-Vorsorge in Österreich würde derzeit pro Jahr rund 37.000 Koloskopien notwendig machen. So viele Menschen passieren die Altersgrenze von 50 Jahren. Hinzu müssten aber auch noch die Wiederholungsuntersuchungen nach fünf bis zehn Jahren kommen. Derzeit wird die reine Vorsorge-Koloskopie von den Krankenkassen nicht bezahlt (Kassentarif für den Arzt: rund 1.500 Schilling/109,0 Euro) ). Doch im Verdachtsfall übernehmen die Kassen die Kosten.

Die Vertreter der Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie wollen deshalb auch Bundesländer, Gemeinden und andere Stellen zum gemeinsamen Aufbringen der notwendigen Mittel bewegen. Was beispielsweise für Frauen in Sachen Brustkrebsfrüherkennung nunmehr auch in Wien möglich ist, sollte - so Brigittte Dragosics - doch auch für die ebenso häufige Dickdarmkrebs-Früherkennung möglich sein. (APA)

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