Ein "herzensguter" Angeklagter

24. Jänner 2002, 09:34
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Prozess um Mord in Bad Hall - Opfer zerstückelt und in Wohnung eingemauert

Steyr - "Ich bin zu herzig", sagt der 25-jährige Angeklagte im Landesgericht Steyr und scharrt verlegen mit den Füßen. "Meinen Sie im Sinne von gutgläubig?", hakt der Vorsitzende nach. "Ja, ich bin ein herzensguter Mensch", lautet die Antwort. Verantworten muss sich der nach Eigendefinition herzensgute Stefan G. wegen des Mordes an einem damals 26-jährigen Bekannten, den er im Februar 2001 erstochen haben soll. Das leugnet der Angeklagte, dass er die Leiche zerstückelt und die Teile anschließend in seiner Wohnung eingemauert hat, gibt er dagegen zu.

Verteidiger Josef Lechner hat es im Kampf um seinen Mandanten nicht ganz leicht. Bei seinem Eröffnungsplädoyer verweist er einerseits darauf, dass ein weiterer Bekannter den Mord begangen haben soll, andererseits versucht er schon in Richtung Unzurechnungsfähigkeit des Angeklagten hinzuarbeiten.

Auch Stefan G. selbst ist in seinen Aussagen vor Gericht wankelmütig und laviert zwischen der Version, ein weiterer Bekannter habe den Mord begangen und ihn gezwungen,die Leiche zu beseitigen und jener, dass er ein Blackout gehabt habe und nicht ausschließen könne, doch selbst der Täter zu sein.

Im Großen und Ganzen tendiert der Angeklagte aber zu der Version, er sei unschuldig. Gesichert ist, dass er mit dem Opfer nach einer Zechtour in seine Wohnung ging, um weiterzutrinken. Am Morgen wollte man dann Haschisch konsumieren und habe deshalb einen weiteren Bekannten angerufen.

Divergierende Aussagen

Dann divergieren die Aussagen. Stefan G. behauptet, dass spätere Opfer habe ihn in Anwesenheit des dritten Mannes attackiert, er habe sich gewehrt und das Opfer dabei am Hals verletzt. Kurz darauf sei er umgefallen, zehn bis 30 Minuten später habe ihn der dritte Mann geweckt.

Das Opfer habe da schon erstochen in seinem Wohnzimmer gelegen. Der dritte Mann habe ihm zu verstehen gegeben, dass dies die Rache für frühere Streitigkeiten sei. Auf die Frage des Richters, warum er denn nicht die Polizei gerufen habe, kommt die Antwort: "Das sind G'schichten, wo man die Polizei aus dem Spiel lässt."

Ein dritter Mann kam nicht ins Spiel

Dem dritten Mann, der am Nachmittag als Zeuge auftrat, war allerdings bei den Ermittlungen der Exekutive keine Beteiligung am Mord nachzuweisen. Der Prozess wird am Donnerstag fortgesetzt, ob dann auch ein Urteil ergeht, ist noch nicht klar. (Michael Möseneder; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.01.2002)

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