Zufälle in Putins Russland

22. Jänner 2002, 19:59
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Von Josef Kirchengast

Welch ein Zufall: Aus wirtschaftlichen Gründen musste jetzt ein Gericht die Schließung von TW-6, dem letzten privaten russischen Fernsehsender, der noch landesweit ausstrahlte, verfügen. Ökonomische Gründe waren es auch, die zur Übernahme des unabhängigen TV-Kanals NTW durch den staatsnahen Energiekonzern Gasprom vor rund einem Jahr führten.

Zufälle, wohin man schaut: TW-6 gehörte dem Oligarchen Boris Beresowski, NTW dem Oligarchen Wladimir Gusinski. Beide sind Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin (wobei Beresowski ursprünglich mithalf, Putin als Nachfolger Boris Jelzins aufzubauen), beide befinden sich aus Angst vor Verfolgung durch die russische Justiz im Ausland.

Und noch ein Zufall: Gusinskis NTW war vielen Russen vor der Gleichschaltung des Senders durch unabhängige Berichterstattung über den von Putin eingeleiteten zweiten Tschetschenien-Krieg ein Begriff. Beresowski wiederum hat vor kurzem die Veröffentlichung von brisanten Dokumenten angekündigt; sie sollen beweisen, dass hinter den Bombenanschlägen auf Wohnhäuser in Moskau und Wolgodonsk nicht tschetschenische Terroristen standen, sondern der russische Inlandsgeheimdienst FSB. Diese Anschläge bildeten die moralische Rechtfertigung des Tschetschenien-Feldzuges, der Putins Popularität begründete.

Nun sind Beresowski und Gusinski sicher keine uneigennützigen Vorkämpfer für Meinungsfreiheit und Bürgerrechte in Russland. Ihre Rolle bei der "Raubprivatisierung" der Jelzin-Jahre ist einigermaßen dubios. Oligarchen gibt es aber auch im Russland Putins. Nur haben die sich mit dem neuen Kremlherrn arrangiert. Und vor allem: Sie besitzen keine Medien, die Putin beim Aufbau einer russischen Demokratie nach seinen Vorstellungen lästig werden können. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 23. Jänner 2002)

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