Das biologische Wettrüsten

24. Jänner 2002, 14:03
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Nach dem Zweiten Weltkrieg bauten die USA und die Sowjetunion ihre Biowaffenarsenale in hochgeheimen Forschungsanlagen aus

Amerika stieg als letzte Großmacht in die Biowaffenentwicklung ein. 1943 warnten Geheimdienstberichte vor einem Biowaffenangriff der Japaner. Im selben Jahr nahmen vier große Produktionsanlagen für Biowaffen in Fort Detrick, Maryland, den Betrieb auf. Zahlreiche Agenzien wurden hinsichtlich ihrer Einsetzbarkeit als Waffe gegen Menschen, Tiere und Pflanzen überprüft.

Die Sowjetunion hatte schon in den späten 20er-Jahren die ersten großen militärischen Biowaffenforschungszentren eingerichtet. Eines der ersten Testzentren errichteten die Sowjets auf der Insel Solowezki im Weißen Meer. Ken Alibek, ein ehemals führender Wissenschafter des sowjetischen Biowaffenprogramms, berichtet von "vagen Hinweisen" auf Menschenversuche aus dieser Zeit.

Tularämie-Epidemie

1973 bekam Alibek als Kadett an der Militärischen Fakultät des Tomsker Instituts für Medizin den Auftrag, eine mysteriöse Tularämie-Epidemie zu untersuchen, die im Spätsommer 1942, kurz vor der Schlacht um Stalingrad, an der deutsch-sowjetischen Front ausgebrochen war. Als Erste fielen der Seuche deutsche Panzersoldaten zum Opfer. Offizielle Stellen führten den Tularämie-Ausbruch damals auf natürliche Ursachen zurück. Doch Alibek schloss aus den Daten, dass es sich um einen gezielten Angriff gehandelt haben musste.

Der Zweite Weltkrieg war dennoch kein biologischer Krieg. Von einzelnen Attentaten abgesehen, setzte - mit Ausnahme von Japan (in der Mandschurei) - niemand die tödlichen Keime im großen Stil ein. Nach Kriegsende drehte sich die Rüstungsspirale allerdings weiter. Die moderne Biotechnologie ermöglichte es, immer gefährlichere Keime zu züchten. Es sollte viele Jahre dauern, ehe sich die Welt auf ein Ende der Biowaffenprogramme einigte - zumindest offiziell.

Im November 1969 überraschte Präsident Richard Nixon die Öffentlichkeit mit einer spektakulären Erklärung: "Die USA werden auf den Einsatz tödlicher biologischer Agenzien und Waffen verzichten und alle Methoden der biologischen Forschung auf Defensivmaßnahmen wie Immunisierung und Sicherheit beschränken." Begründung: Biowaffen hätten unvorhersehbare und potenziell unkontrollierbare Folgen. Wenn jemand die USA biologisch angreife, werde man eben atomar zurückschlagen.

Auf die Entscheidung der USA folgten Bemühungen um eine weltweite Übereinkunft. Das Ergebnis war die internationale Biowaffenkonvention, die 1972 verabschiedet wurde. Nach anfänglichen Widerständen stimmte auch die Sowjetunion zu. Doch bald mehrten sich die Indizien, dass die Sowjets unbeirrt und unter strengster Geheimhaltung an ihrem Offensivprogramm weiterarbeiteten.

Im September 1992 lief Kanatjan Alibekow alias Ken Alibek in die USA über. Im Oktober 1999 sagte er vor dem US-Kongress: "Es bestehen immer noch Zweifel, dass Russland das alte sowjetische Programm vollständig demontiert hat."

Seit einigen Jahren gibt es allerdings auch Hinweise auf bedenkliche Biowaffenforschung in den USA. Nach dem Ende des Kalten Krieges haben sich die Szenarien der Geheimdienste geändert. Sie fürchten weniger einen biologischen Schlag Russlands, als dass biologische Waffen von dort aus in die Hände von "Schurkenstaaten" und Terroristen gelangen. (DER STANDARD, 23.01.2002)

In dieser Folge des Buchvorabdrucks über die gefährlichsten Waffen der Welt wird diese Entwicklung gekürzt nachgezeichnet.
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