"Wir sind bereit zu sterben"

22. Jänner 2002, 19:23
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Proteste gegen Zustände in australischen Flüchtlingslagern werden schärfer

Der dramatische Hungerstreik von mehr als hundert Asylbewerbern in einem südaustralischen Lager brachte der Regierung nun auch geharnischte Kritik von der australischen Menschenrechtskommission ein. Sev Ozdowski, der Leiter der Kommission, erklärte am Dienstag, die Internierung von Flüchtlingskindern stehe im Widerspruch zu internationalen Verträgen.

"Australien hat die Internationale Konvention zum Schutz des Kindes unterzeichnet", sagte Ozdowski. Dies würde nun völlig ignoriert. Er kündigte an, noch in dieser Woche Beobachter ins Internierungslager Woomera entsenden zu wollen.

Hungerstreik

Mit der Kritik verschärft sich ein nun schon mehrere Tage anhaltender Konflikt um die Zustände in dem mitten in der Wüste gelegenen Flüchtlingslager. Am Montag hatte Immigrationsminister Philip Ruddock die Kommission gewarnt, sich nicht in seine Angelegenheiten einzumischen.

Seit dem Wochenende verweigern im Lager Woomera die meist afghanischen Asylbewerber die Nahrungsaufnahme. Rund 60 Männer und Frauen haben sich und einigen Kindern "aus Protest gegen die barbarischen Zustände in den Lagern" die Lippen zusammengenäht. Sie fordern die Bearbeitung ihrer Anträge für ein Flüchtlingsvisum.

"Wir haben keine Hoffnung mehr, wir sind bereit zu sterben", schrieben die Asylbewerber in einem Brief an die Medien. Die meisten seien schon mehr als fünf Monate in dem Lager, einige sogar seit mehr als zwei Jahren.

Hilfsorganisationen für Flüchtlinge werfen der australischen Regierung vor, die Bearbeitung der Visa-Anträge bewusst zu verzögern, um künftige Bewerber abzuschrecken. Die Regierung verfolgt seit längerem die Praxis der Zwangsinternierung von so genannten "illegalen Flüchtlingen", die ohne die notwendigen Papiere ins Land kommen. Zudem hat Ruddock mit dem Sturz des Taliban-Regimes die Bearbeitung der Asylanträge ausgesetzt.

Deportierungen

Seit August deportiert Australien die in der Regel auf Booten eintreffenden Asylbewerber in Drittländer wie den Pazifikstaat Nauru, wo sie ebenfalls bis zur Bearbeitung ihrer Anträge interniert werden.

Die Politik der Härte ist im australischen Volk sehr beliebt und hat im November wesentlich zur Wiederwahl der konservativen Regierung von Premierminister John Howard beigetragen. Während des Wahlkampfs hatte diese Regierung mehrmals Parallelen zwischen Flüchtlingen und Terroristen gezogen.

In den Flüchtlingslagern auf australischem Boden sind derzeit mehrere Tausend Menschen interniert, darunter Hunderte Kinder. Der Großteil der Flüchtlinge stammt aus Afghanistan und anderen Länder im Nahen Osten. Bereits im vergangenen Monat hatten im Lager Woomera rund 300 Inhaftierte drei Nächte lang randaliert.

"Menschenunwürdig"

Verschiedene Beobachter bezeichnen die Zustände in den Lagern regelmäßig als "menschenunwürdig". Selbst Kinder ohne Begleitung ihrer Eltern werden hinter Stacheldraht gehalten. Es fehlt an Beschäftigungsmöglichkeiten und Privatsphäre.

Ärzte und Psychologen warnen vor den Langzeitschäden, die durch die Haft entstehen können. Eine Gruppe von Spezialisten meinte am Dienstag: "Kinder unter Bedingungen eines Konzentrazionslagers zu halten ist medizinisch und moralisch falsch."

(Standard-Mitarbeiter Urs Wälterlin aus Canberra, Der Standard, Printausgabe, 23.01.02)

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