Opern-Pop für Stubenmädel

22. Jänner 2002, 21:48
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Georg Philipp Telemanns "Pimpinone" als Zeitmaschine bei den Resonanzen

STANDARD-Mitarbeiter Stefan Ender


Wien - Es war einmal vor zirka 300 Jahren, da war Oper die geilste Show, die man überhaupt erleben durfte. Auf der Bühne spielte es die irrsten pyrotechnischen Effekte; die Band bretterte immer abgehobenere, immer härtere Soundkreationen über die Rampe, die Sänger - im schrillsten Fummel, den man sich vorstellen konnte - legten derart wahnsinnige Performances hin, dass die Mädels reihenweise hyperventilierten.

Parterre drängelten sich die finanziell dauerklammen Hardcore-Fans. Pekuniär besser Ausgestattete pflanzten sich ein paar Etagen weiter oben hin. Während der Show wurde geratscht und gegessen, gesoffen und gegrölt, geflirtet, angebandelt, herumgeknutscht und noch etliches mehr. Ja, wirklich: Oper war eine riesengroße Party damals, sinnlich, smart und sexy. Oper war Pop!

Um die aufgeheizte Stimmung auch in der Pause am Köcheln zu halten, waren kluge Manager indes auf die Idee gekommen, die Menge mit kurzen, klamaukigen Miniopern zu unterhalten. Georg Philipp Telemanns Pimpinone etwa war zu diesem Behufe verfasst worden, im Herbst 1725 wurde es als Intermezzo für Georg Friedrich Händels Giulio Cesare in Hamburg erstgegeben.

Plot: Armes, aber sensationell schönes Dienstmädchen angelt sich einen reichen, alten Sack und nimmt ihn nach Strich und Faden aus. Ann Monoyios umschwirrt den sabbernden Pimpinone mit behenden Koloraturen, gesamteindrücklich erinnert ihre Vespetta aber doch eher an eine angejahrte Principessa, die auf ihre alten Tage bestenfalls noch mit dem Eintritt ins Kloster liebäugelt.

Barocke Freuden

Mit barocker Sanges- und Darstellungsfreude unterhielt jedenfalls Michael Schopper das Resonanzen-Publikum, Kraft und Sinnlichkeit verströmend. Das La Stagione Frankfurt unter der Leitung Michael Schneiders artikulierte nett und phrasierte nett. Insgesamt blieb aber doch der Eindruck einer etwas unverbindlichen Vitalität nachdrücklich haften.

Und so hatte man während der Aufführung zuweilen Muße, einem tückisch reizvollen Gedanken nachzuhängen: Ob wohl die Popmusik von heute in zwei-, dreihundert Jahren auch in ähnlich musealer Form wiedergegeben werden würde? Madonnas "Drowned World Tour" von halb acht bis halb zehn im Rahmen des Early-21st-Century-Pop-Zyklus der frisch renovierten Wiener Stadthalle, anno Zweitausenddreihundertirgendwas? Man darf gespannt sein.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23.01. 2002)

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