"Vanilla Sky": Das Glück ist ein schönes Plattencover

28. Juli 2004, 12:21
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Mit und über Tom Cruise: Cameron Crowes hybrides Thriller-Remake

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Cameron Crowes hybrides Thriller-Remake "Vanilla Sky", einer der erstaunlichsten US-Filme der letzten Zeit, ist ein Film mit und über Tom Cruise – zugleich aber auch ein Kommentar über die künstlichen Traumwelten der Populärkultur.

Von Dominik Kamalzadeh


Wien – An Tom Cruise, dem umstrittenen Starmodell eines seit den 80er-Jahren immer wieder gerne als inhaltsleer bezeichneten Hollywood-Kinos, lässt sich die Hohlheit unserer Kinoträume besonders gut demonstrieren. Gerade weil er selten mehr als ein souveräner Darsteller eines breit grinsenden Erfolgsprinzips ist, der immer dann, wenn er tatsächlich schauspielerisch beeindrucken will, am wenigsten überzeugt.

Foto: UIP
Eine Glücksidylle als subtiler Verweis auf ein berühmtes Bob-Dylan-Cover: Tom Cruise und Penélope Cruz durchleben in Cameron Crowes "Vanilla Sky" eine Bilderbuch-Beziehung.

Stanley Kubrick hat in seinem rätselhaften letzten Film, Eyes Wide Shut, mit dem Image von Cruise sehr bewusst gespielt und ihn auf eine laue Traumreise geschickt. Vanilla Sky verhält sich zu Eyes Wide Shut nun wie ein Traum zu einem anderen. Cameron Crowe, der Pop-Regisseur unter den US-Filmemachern und einstige Rolling Stone-Musikkritiker (Almost Famous), hat seine Variante in der Gegenwart, in der Gesellschaft des Spektakels angesetzt – und zielt über diese noch hinaus.

Schon am Beginn wird unklar, was darin Traum, was Realität ist: wenn Cruise, nachdem er sich vor dem Spiegel ein graues Haar gezupft hat, auf einem völlig menschenleeren Times Square anhält und panisch gegen die bewegten Werbebilder anrennt. Cruise ist der Jungunternehmer David Aames, ein selbstgefälliger Beau und Frauenheld, dem seine Firmenteilhaber zwar ein wenig zusetzen, ansonsten jedoch alles in den Schoß fällt.

Ein Star spielt also einen Star, dem die Leere seines Daseins erst zu Bewusstsein kommt, als er auf einer Party auf Sofia (Penélope Cruz) stößt, eine Schönheit, deren Hauch von Exzentrik nicht ganz in sein Universum passt – worauf er sich verliebt. Mitnichten beginnt an dieser Stelle jedoch ein Drama der Erlösung im Gefolge von American Beauty. Dafür ist hier alles zu perfekt oder auch: "too sweet", wie es Davids Freund Brian (Jason Lee) formuliert.

Glücksfantasien

Crowes Regie täuscht uns allerdings raffiniert, indem er Szenen durchaus sentimental auf die Spitze treibt, uns (mit-) verführt, zugleich jedoch in Details – wie etwa einem Blick auf alte Fotos oder der Wahl der passenden Schallplatte – deutlich macht, dass er die spätere Frage nach der Vorstellung von Glück recht wörtlich versteht: Eine Welt der Wünsche als Artefakte ist es, die hier ausgebreitet wird.

Foto: UIP

Vanilla Sky ist ein Remake von Alejandro Amenábars Thriller Abre los ojos, dem zweiten Spielfilm des spanischen Regisseurs, der gerade mit The Others sein Hollywood-Debüt gibt. Das passt nur zu gut zu einem Film, der unaufhörlich um Simulationen kreist, die fehlende Authentizität von (Film-)Bildern und Erfahrungen thematisiert. Dieser Aspekt macht Crowes Arbeit auch ungleich interessanter als Amenábars, die sich noch ganz auf die teils allzu originelle Handlung verließ.

Crowe hält sich zwar eng daran, benützt sie jedoch mehr wie ein Thema, das – mit kleinen, aber entscheidenden Veränderungen versehen – plötzlich völlig neu erklingt. Zunächst endet eine Wendung – ein Autounfall, den Julie (Cameron Diaz), Davids eifersüchtige Freundin, in einer affektgeladenen Szene bewusst herbeiführt – genauso dramatisch wie im Original: Sie stirbt, sein Gesicht wird zur Fratze entstellt. Zeitlich versetzt sehen wir David, der in einer Anstalt, nunmehr maskiert, von einem Psychiater (Kurt Russell) über einen Mord befragt wird.

Spätestens ab diesem Moment, wenn sich das Geschehen, zwischen Paranoia und Romantik schwankend, retrospektiv entfaltet, alles in mit Popsongs (u. a. The Beatles, Peter Gabriel, R.E.M.) und Filmplakaten (Jules et Jim) durchsetzten Trugbildern verschwimmt, hebt Vanilla Sky förmlich ab: Zum Meta-Film über den Narzissmus seines Stars, der im Wechselspiel aus Posen und Verrenkungen im Stil von Born on the 4th of July seinen ureigenen Albtraum durchlebt: hässlich zu sein.

Umgekehrt navigiert Crowe durch filmische Traumwelten, in denen man sich aufgehoben fühlt, die als letzte romantische Restplätze in einer mediengesättigten Gesellschaft dienen. Damit ist er gar nicht so fern von Steven Spielberg und dessen A.I., allerdings ohne dem Drang zu erliegen, eine verlorene Utopie wiederherstellen zu müssen. Crowe erzählt letztlich von der Künstlichkeit unserer Wünsche, von vorfabrizierten Träumen und damit (auch) von Hollywood.

Übrig bleibt die Frage nach der Vorstellung von Glück. Ist es ein Bild, vielleicht ein Plattencover oder auch nur die Erinnerung an einen guten Film?
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 23. 1. 2002)

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