Saunieren in kalten Nebelschwaden

27. Jänner 2002, 23:14
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Schauspielhaus: Zweipersonenstück "Gharibe - Indersauna"

Wien - Bei allem, was das Wiener Schauspielhaus an gierig eingeforderten Wünschen nach der ersten Saisonhälfte merkwürdig klaffend offen lässt: Es darf sich des Talents rühmen, durchgehend nicht ganz ungefällig zu produzieren oder zu kooperieren. Die blutig-brachialen Schauspielhaus-Jahre unter Hans Gratzer hat man gelassen begraben. Airan Berg und Barrie Kosky, die neuen Leiter in der Porzellangasse, setzten zaghaft auf Theatereinsprengsel anstelle dem Budgetvolumen entsprechender Spielproduktionen.

Mit der Einladung, die zuletzt an die Wiener Freie-Szene-Spieler Beatrice Frey und Massud Rahnama erging, verhält es sich ebenso. Ein genüsslich aufgemischtes, eineinhalbstündiges Zweipersonenstück haben sie den Gastgebern mitgebracht. Obendrein erfüllt die aus der Lebensgeschichte des Schauspielers Rahnama abgeleitete Geschichte vom Fremdsein, Gharibe - Indersauna, auch den internationalen Aspekt der Haus-"Statuten":

Der aus Teheran gebürtige Komiker Rahnama hat vor Jahren seine persische Heimat verlassen, um in Wien ein neues Leben als Schauspieler anzufangen. In Gharibe (Persisch für: fremd) stellt seine aus Krems gebürtige Freundin (Beatrice Frey) stellvertretend für das Publikum Fragen an seine Vergangenheit. Und zwar in einer dem sanften Gesprächsklima zuträglichen Sauna. Ein Palaver wie ein immer wieder verzögerter Sketch, ein Kleinod, das rundum nicht missfallen kann, bei dem aber auch nur der Trockeneisnebel dampft.


Voller Widerspruch

Regisseur Kai Maertens macht eine Tragödie erahnbar, indem er sie unterspielt, gar verleugnet und insgesamt - in zeitgemäßer Gegenläufigkeit - in eine Revue verkehrt: Rahnama tritt mit geschürztem Handtuch und im Spotlight aus der Sauna auf die Vorderbühne und singt sehnsuchtsvoll ein persisches Liebeslied, begleitet von Jamshid Rahimi in Bob-Marley-Gestalt. Einer von vielen genussvoll angeführten Widersprüchen.

Demgemäß erreicht das Zwiegespräch auf der kulissenbemalten, schicken Simultanbühne (Michael Zerz) - unterbrochen von zischenden Saunaaufgüssen rechts sowie plätschernden Duschgeräuschen links - bei gleichzeitiger musikalischer Dauerberieselung (zwecks Wohlfühlen) Höhepunkte dramatischer Bekundungen: "ich weiß, du bist ein seismograph. alle schwingungen der welt, des alltäglichen lebens, der weltpolitik - alles spürst du, immer." So muss Theater nicht weh tun: Kneipp-Kur in der Disco.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24. 1. 2002)

Von
Margarete Affenzeller

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