Abwahlgeheimnis

22. Jänner 2002, 21:43
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Daniel Glattauer

Angelika war Vorsitzende der Wiener Hochschülerschaft. Sie wollte es bleiben. Ihre Partei, die ÖVP-nahe Aktionsgemeinschaft, war (großteils) dafür, die Anderen waren dagegen. Am 26. Jänner 2000 hätte Angelika abgewählt werden sollen. Das wäre Punkt 14 der Tagesordnung gewesen. Aber: Angelika überging die Tagesordnung. Oder anders: Die Tagesordnung ging in sich selbst unter. - Obwohl (oder weil) pünktlich begonnen wurde, war keiner der Mandatare im Saal anwesend. Sie waren nicht aufgerufen worden. Ätsch!

Wie nennt man nun so einen ÖH-Streich? Doch nicht etwa "Amtsmissbrauch" (mit bis zu fünf Jahren Haft)? - Die Anklagebehörde bemüht sich darum. "Ich bin entsetzt, dass sie sich für Zwecke des Polit-Kindergartens der Universität missbrauchen lässt", wütet der Verteidiger. Für die Nerven des Richters sind schon fünf Minuten dieses Prozesses fünf zu viel. Wie will er drei Verhandlungstage mit Dutzenden Zeugen durchstehen?

"Sitzung ist aus"

Angelika glaubt, richtig gehandelt zu haben. "Als ich sah, dass keiner da war außer mir, habe ich mich aufgerufen", erzählt sie: "Danach blieb mir nichts übrig, als die Sitzung zu schließen." Sie sei dann "ganz ruhig und gelassen" (wie das in der Partei so üblich ist) an den gegnerischen Mandataren vorbei gegangen und habe gesagt: "Die Sitzung ist aus." Daraufhin sei sie beschimpft worden. "Warum weiß ich nicht", sagt sie.

Zunächst hatten wenigstens drei Vertreter einer Grün-Fraktion Platz genommen. Sie verließen aber den Saal, vermutlich um die übrigen hereinzuholen. Laut Anklage hat Angelika diese Situation geschickt ausgenützt. "Sie hat einfach ins Mikrofon geflüstert und quasi zu sich selbst gesprochen", echauffiert sich die Staatsanwältin. Dank dieser Leistung blieb Angelika noch weitere eineinhalb Jahre ÖH-Vorsitzende. Das Urteil wird für Freitag erwartet. (Der Standard, Printausgabe, 23.01.02)

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