Exzellenz, Exil und Wiederaufbau

22. Jänner 2002, 18:03
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Von der Weltwirtschaftskrise zur New Economy: 75 Jahre Wirtschaftsforschung

In der nunmehr 75-jährigen Geschichte des Österreichischen Wirtschaftsforschungsinstituts widerspiegelt sich die Exzellenz österreichischer ökonomischer Forschung ebenso wie deren Widerstandskraft gegen politische Vereinnahmung, der Kampf um den ökonomischen Wiederaufbau und das behutsame Beschreiten des Weges der europäischen Integration.

Handelskammer

Im Jänner 1927 nahm das "Österreichische Institut für Konjunkturforschung" in den Räumen der Wiener Handelskammer seine Arbeit auf. Ludwig von Mises als Spiritus Rector, Friedrich von Hayek als erster Leiter und Oskar Morgenstern als dessen Nachfolger wirkten als Dreigestirn in den zwölf Jahren bis zur Nazi-Okkupation und machten das Institut rasch zum Mittelpunkt moderner ökonomischer Forschung.

Die Namen jener, die in der Zwischenkriegszeit am Institut tätig waren, finden sich heute prominent in Lehrbüchern der Ökonomie, machten doch die meisten von ihnen blendende Karrieren, freilich fern der Heimat, vertrieben vom Nazi-Terror. So ist die Geschichte des Instituts auch eine des Exils. Hayek nahm schon 1931 eine Berufung an die London School of Economics, wo er jene bahnbrechenden Werke schuf, die ihm 1974 den Nobelpreis bescherten. Mises ging 1940 in die USA, wo er bis ins hohe Alter von 88 Jahren an der New York University lehrte.

Spieltheorie

Morgenstern befand sich 1938 auf einer Vortragsreise in den USA, als er als "politisch untragbar" als Institutsleiter abgesetzt wurde. Gemeinsam mit John von Neumann begründete er in Princeton die Spieltheorie als moderne Wirtschaftswissenschaft. Machlup, Haberler, Tintner, Steindl gehörten ebenso zu jenen, die in den USA den Ruf der österreichischen Ökonomie hoch hielten - und mit für die heutige Dominanz der US- Wissenschaft sorgten.

Degradierung Nach der Degradierung zu der für den Balkan zuständigen Forschungsabteilung des Berliner Instituts für Wirtschaftsforschung war es Franz Nemschak, der das Institut als "Österreichisches Institut für Wirtschaftsforschung" im wahrsten Wortsinn aus den Bombentrümmern wiedererstehen ließ, in denen noch mit bloßen Händen nach verschütteten Statistiken gesucht wurde. Die Bewältigung der chaotischen Preis-, Lohn- und Währungsverhältnisse bildete den Schwerpunkt der Institutsarbeit in den ersten Nachkriegsjahren - und wurde auch zur ersten großen Bewährungsprobe für die politische Unabhängigkeit. Den Interessensvertretern gingen Nemschaks Vorschläge zu weit, sie drohten, das Institut unter Kuratel zu stellen. Er wolle den Limes zwischen Wirtschaftspolitik und Wirtschaftsforschung künftig nicht mehr überschreiten, gestand Nemschak ein, nachdem er die Unabhängigkeit noch einmal gerettet hatte.

Europas Integration Die europäische Integration wurde eine Leitlinie der Arbeit am Wifo in der zweiten Republik. 1966 erschien eine Studie: "Die EWG und die Folgen", herausgegeben von Felix Butschek. Darin schrieb ein gerade 27-jähriger Helmut Kramer über "Wettbewerb, Wachstums-, und Konjunkturpolitik", und ein kaum älterer Gunther Tichy lieferte einen Beitrag über "Geld, Währung und Kapitalmarkt".

Nemschak wechselte 1972 in die Leitung des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche, als Wifo- Leiter folgte ihm Hans Seidel, der 1981 Bruno Kreiskys Ruf ins Finanzstaatssekretariat folgte. Seither leitet Helmut Kramer das Wifo. (jost, DER STANDARD, Printausgabe, 23.1.2002)

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    Leitet das Wifo seit 1981: Helmut Kramer.

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