Im Lager der Hoffnungslosigkeit

27. Jänner 2002, 23:11
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Der Asylwerber-Hungerstreik in Australien erregt Kritik an der harten Flüchtlingspolitik, doch an der Basis der Bevölkerung herrscht zynische Zustimmung

Hier hat Leben nur in seiner einfachsten Form eine Chance, das Licht des nächsten Tages zu sehen. Einzig primitive Büsche und Sträucher überstehen den chronischen Wassermangel und das unerbittliche Klima in der Wüste von Südaustralien. Giftige Schlangen, Echsen und ein paar anspruchslose Kängurus haben sich über Jahrtausende der Natur angepasst, einer Natur, die kein Erbarmen kennt mit jenen, die ihren Gesetzen nicht folgen. Wer sich hier verirrt, dem bleibt wenig Grund zur Hoffnung.

In dieser Landschaft der Hoffnungslosigkeit hat die australische Regierung das Flüchtlingslager Woomera errichtet, sechs Stunden Autofahrt nördlich der südaustralischen Hauptstadt Adelaide. 835 Männer, Frauen und Kinder leben hier hinter rasiermesserscharfem Nato-Stacheldraht. Sie sind - betont Immigrationsminister Philip Ruddock - "illegale Immigranten"; Menschen, die mithilfe von Schmugglern ohne die notwendigen Papiere auf Booten ins Land gekommen sind und damit seine Gesetze gebrochen haben.

Seit einer Woche herrscht in Woomera, einem von sechs Lagern, der Alarmzustand: Hunderte Menschen sind in einem dramatischen Hungerstreik, einige Internierte haben versucht, sich mit Tabletten, Shampoo und Reinigungsmitteln zu vergiften.

Abschreckung

Diese Tragödie ist Symptom für die Verzweiflung der Eingesperrten, die jede Hoffnung auf eine Änderung ihrer Lage verloren haben. Die meist aus Afghanistan, Iran und dem Irak stammenden Flüchtlinge wollen die sofortige Bearbeitung ihrer Asylanträge. Mehrere warten schon seit Jahren auf einen Entscheid der Behörden. Doch diese lassen sich Zeit. Flüchtlingshilfeorganisationen werfen ihnen vor, Entscheide zu verzögern, um die Insassen zu zermürben und so potenzielle Nachahmer abzuschrecken.

Das System der Zwangsinternierung für "illegale Immigranten" wurde nicht von der seit 1996 regierenden konservativen Koalition von Premierminister John Howard eingeführt, sondern Anfang der Neunzigerjahre von der sozialdemokratischen Labour-Party. Bootsflüchtlinge aus Südostasien waren die ersten Insassen. Sie genossen allerdings wesentlich mehr Freiheiten als die heutigen Internierten.

"Konzentrationslager"

Unter der Howard-Regierung wurden die Anlagen zu "Konzentrationslagern", wie sie die schärfsten Kritiker nennen. Unterhalten werden die Anlagen von einer privaten US-Gefängnisfirma, die sich sonst um die Inhaftierung von Mördern, Vergewaltigern und anderen Schwerverbrechern kümmert. Fast alle Lager liegen abseits von größeren Städten. Kontakt zur Außenwelt ist schwierig.

Da Medien nur selten und dann nur in unter schärfster Aufsicht Zugang erhalten, sind kaum Einzelheiten bekannt über den Alltag in den Lagern. Flüchtlinge beschweren sich regelmäßig über einen Mangel an Einrichtungen, so fehle es an Klimaanlagen, an funktionierenden Fernsehern und an anderen Ablen-kungsmöglichkeiten. Langeweile und Selbstmordversuche seien die Folge.

Die Situation in Woomera hat vor allem den Ruf nach der Freilassung von Kindern lauter werden lassen. Ihre Festhaltung widerspricht den von der australischen Regierung unterzeichneten UN-Konventionen zum Schutz des Kindes. Ende vorigen Jahrs lebten 582 Kinder in australischen Internierungslagern, darunter 53 ohne jeden Schutz von Eltern oder Bekannten.

Widerstand wächst

Vorwiegend Intellektuelle und Geschäftsleute in den Großstädten empören sich über die Politisierung der Flüchtlingsfrage. Der Widerstand wächst: Vorigen Mittwoch trat der Vorsitzende der Kommission für Multikulturalität "aus Abscheu" über das Verhalten Ruddocks von seinem Amt zurück. Man solle ihn wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" anklagen, lautet die Forderung eines anderen Kritikers.

Doch auf den unteren Stufe der sozialen Leiter gilt der Immigrationsminister durchaus als Held. "Wohin können wir das Shampoo liefern?", tönt es höhnisch aus den Lautsprechern der Radios. Radiomoderator Howard Sattler hofft, dass der Hungerstreik lange anhält, "weil er uns Steuerzahlern Geld spart".

Solche zynischen Kommentare sind nicht die Ausnahme, sie sind die Regel in den sozioökonomisch schwächeren Gebieten des Landes. Dort hat die Regierung bei den Wahlen im November ihre Stimmbürger zurückgewonnen, indem sie Bootsflüchtlinge zu Sündenböcken für fast alles machte und die jährlich etwa 5000 dazukommenden "Illegalen" zu einer Bedrohung der nationalen Sicherheit abstempelte. Kritikern zufolge dämonisieren Regierungspolitiker die Asylbewerber bewusst; durch Vorwürfe des sexuellen Kindesmissbrauchs etwa, für die Ruddock aber nie Beweise auf den Tisch legte.

Die Abschottung von den Medien führt dazu, dass die Internierten kein Gesicht haben und sie kaum noch als Menschen gesehen werden. Längst aber leiden nicht nur die Asylbewerber. Seit die Regierung nach dem 11. September die in der Regel muslimischen Flüchtlinge als potenzielle Terroristen dargestellt hatte, spüren alle Australier islamischen Glaubens die Ignoranz und das mangelnde Verständnis weiter Teile der Bevölkerung. Islamische Gemeinden melden einen deutlichen Anstieg der verbalen und körperlichen Belästigungen ihrer Mitglieder.

Die Spannung zwischen den Ethnien wächst - in einem Land, in dem extrem viele Kulturen zusammenleben. Wie ein Beobachter meinte: "Howards Strategie der Härte mag zwar populär sein, doch sie richtet im australischen Volk dasselbe an wie ein Krebsgeschwür in einem gesunden, schönen Körper." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 28.1.2002)

Von STANDARD- Korrespondent Urs Wälterlin aus Adelaide
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