Aus dem Dossier für den US-Gemeimdienst

22. Jänner 2002, 14:45
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Zuckmayer über Gründgens Art

Hamburg - Für den Dramatiker Carl Zuckmayer (1896-1977) ist der von den Nazis umworbene Theaterstar Gustaf Gründgens (1899-1963) politisch sehr wendig, aber "kein eiskalter Ehrgeizling" gewesen. "Ohne sich direkt für andere zu riskieren - und vermutlich sehr subjektiv, nach persönlicher Neigung oder Abneigung, aber auch vielfach aus Respekt vor Niveau und Können, hat er in seiner Machtposition vielen Künstlern geholfen und viele (wie etwa Erich Ziegel), die ganz ausgeschaltet waren, wieder auf dem Theater durchgesetzt", heißt es in einem Dossier Zuckmayers, dass die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" am Dienstag erstmals veröffentlichte.

Der Dramatiker hatte 1943/1944 im US-Exil rund 150 Charakterstudien mit politischer Einschätzung über deutsche Künstler und Intellektuelle für den amerikanischen Geheimdienst geschrieben. Die im Literaturarchiv Marbach lagernden Studien werden im April wissenschaftlich kommentiert herausgegeben.

Er sei falsch, Gründgens als den eiskalten Ehrgeizling zu charakterisieren, "aber natürlich sind seine fouché-haften Züge nicht zu übersehen", urteilte Zuckmayer und fuhr fort: "Immerhin ist sein Umschwung vom radikalen 'Kulturbolschewisten' zum Götterliebling der Nazis eher begreiflich, weil 'naturgemäßer', als der anderer Gesinnungshelden." Zuckmayer schloss auch einen künftigen "Saltomortale" von Gründgens zum 1943 gegründeten Nationalkomitee Freies Deutschland nicht aus, das in Opposition zum NS-Regime stand. "Vielleicht werden wir mit ihm (Gründgens) noch Überraschungen erleben."

Als "charakteristisches Beispiel für seine Art auf dem Rasiermesser Seil zu tanzen und Gefahr zu jonglieren", verwies Zuckmayer auf die Art, wie Gründgens 1936 auf einen neuen Skandal wegen seiner Homosexualität reagierte. Gründgens habe an seiner "Hamlet"-Premiere festgehalten und jenen für ihn damals schwierigen Satz "in pointierter Verachtung" ins Auditorium hineingeschleudert: "Ich habe keine Lust am Weibe" - und dann nach einer Pause "ganz rasch und beiläufig das Folgende hinzugefügt- "und auch nicht am Manne". Jeder Theaterbesucher habe damals in Berlin dem anderen gesagt: "Du musst hören wie der Gründgens das sagt", notierte Zuckmayer. (APA)

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