Latein-Unterricht: Bundesschulsprecher will neue Inhalte

22. Jänner 2002, 14:39
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Philosophische Ansätze und Grundstock für Fremdsprache wichtiger als "Auswendig-Lernen von Kriegszügen"

Wien - Offen für eine Reform des Latein-Unterrichts zeigt sich Bundesschulsprecher Jakob Huber. In kaum einem anderen Fach sei der Bedarf an Änderungen so hoch. Als besonders wichtig schätze er die Vermittlung philosophischer Ansätze sowie die Stärkung der Sprachkompetenz ein, betonte Huber gegenüber der APA. Erst nach einer Reform könne man eventuell über die Frage der Abschaffung als Pflichtfach diskutieren. Derzeit stehe die Bundesschülervertretung einer Abschaffung aber eher negativ gegenüber.

Hinter Vorstößen zur Abschaffung Lateins als Pflichtfach ortet Huber nicht zuletzt auch einen "neoliberalen Ansatz". Kenntnisse aus dem Lateinunterricht seien nicht unmittelbar beruflich verwertbar, sondern wirkten "nur" persönlichkeitsbildend. Die Probleme und Unzufriedenheit vieler Schüler lägen weniger an Latein, sondern an der Art des Unterrichts und am Benotungssystem. Das Auswendig-Lernen verschiedener Kriegszüge könne jedenfalls nicht Sinn des Latein-Unterrichts sein.

Für die Abschaffung Lateins als Pflichtfach spricht sich hingegen der Vorsitzende der SP-nahen Aktion Kritischer SchülerInnen (AKS), Niki Kowall, aus. Derzeit sei Latein ein "massives Selektionsmittel". Viele Schüler müssten Nachhilfe nehmen, so Kowall in einer Aussendung. Auch die inhaltliche Ausrichtung Lateins sei problematisch: "Im ersten Schuljahr lernt man schon 25 Synonyme für Töten, und des öfteren bekommt man den Eindruck von Kriegsverherrlichung." Endgültig "wegrationalisieren" will auch der AKS-Chef Latein aber nicht. Als Wahlpflichtfach müsse es weiter existieren - "die freie Wahl des Bildungswegs heißt auch die freie Wahl der Fächerzusammenstellung".

Grüne sehen ÖVP "einbetoniert"

"Wieder einmal zurückgepfiffen" hat die ÖVP ihren Bildungssprecher Werner Amon in der Frage der Zukunft des Latein-Unterrichts nach Ansicht des Grünen Dieter Brosz. Latein solle trotz des Vorstoßes Amons, der sich zunächst für die Abschaffung Lateins als Pflichtfach im Gymnasium ausgesprochen hatte, jetzt doch verpflichtend erhalten bleiben, bedauerte Brosz in einer Aussendung. Für die bevorstehende Oberstufenreform lasse dieses "Einbetonieren" der ÖVP wenig Positives erwarten.

Selbstverständlich solle Latein all jenen offen stehen, die sich dafür interessieren, argumentierte Brosz. Ein Pflichtfach Latein werde allerdings weiterhin eine Barriere für weitere Bildungswege darstellen, die ein zukunftsorientiertes Bildungssystem eigentlich abbauen sollte, meinte der Grüne. Nicht nachvollziehbar ist für ihn, weshalb sich ausgerechnet Latein zu einem europäischen Integrationsfach entwicklen solle. Wenn Schüler sich statt Latein für eine lebende Fremdsprache entscheiden, so sei dies zu akzeptieren, so Brosz. (APA)

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