Formel Finanzkarriere

21. Jänner 2002, 20:40
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Ein neues Bakkalaureat zeigt die Renaissance der Mathematik

Wien - Wozu man Mathematik braucht, wurde im Lauf der Geschichte verschieden beantwortet: Ihr Nutzen bei der Erdvermessung war seit der Antike bekannt. Im Mittelalter zog die Kirche die Arithmetik zur Berechnung des Ostertermins heran - keineswegs eine Marotte, sondern ein Beleg für die Beherrschung der Zeit.

Dass das Geldwesen mit Mathematik zu tun hat, war natürlich auch lange bekannt, die Bedeutung der Zinseszinsrechnung wurde den Menschen aber erst spät bewusst: Bankexperten kannten sie seit Beginn der Neuzeit, vielen Bildungsbürgern ist sie auch heute noch ein Rätsel. In jüngster Zeit nimmt der Einsatz von Mathematik in der Ökonomie einen Aufschwung - und der Wiener Mathematiker Walter Schachermayer steht mittendrin.

Mathematik wird heute zunehmend auf die Finanzmärkte angewandt. "Wir versuchen nicht", betont Schachermayer, "vorherzusagen, ob die Börsenkurse rauf- oder runtergehen." Zur Veranschaulichung zieht er einen drastischen Vergleich: "Wir halten Prognosen darüber, welcher Sechser am nächsten Sonntag im Lotto gezogen wird, für sinnlos. Aber man kann leicht die Wahrscheinlichkeitsverteilungen ausrechnen, z. B. liegt die Wahrscheinlichkeit, dass ein 40-jähriger Lottospieler vom kommenden Samstag eher stirbt, als sich am Sonntag über einen Sechser zu freuen, bei über 95 Prozent."

Risiko managen

Das Finanzgeschäft ist kein Lotto, die Entwicklung mathematischer Modelle des Risikomanagements ein seriöses Unterfangen von wachsender Bedeutung. Schachermayer gelang es, an die große versicherungsmathematische Tradition der TU Wien in der Zeit vor 1938 anzuknüpfen: "Es ist der Bedeutung der Finanz-und Versicherungsmathematik angemessen, dass ein eigenes Institut mit einer zweiten Professur eingerichtet wurde und der Bereich ein Schwerpunkt für die Entwicklung der Mathematik an der TU ist."

Maturanten, die sich für den Zweig der Finanz- und Versicherungsmathematik entscheiden, verspricht Schachermayer "ein spannendes Studium. Ab Oktober gibt es neben dem Diplomstudium auch ein 6-semestriges Bakkalaureat der Versicherungsmathematik. Und nach Abschluss können die Absolventen mit attraktiven Angeboten im Finanzsektor rechnen". Fast so sicher wie die exakten Formeln, die sie bei Schachermayer lernen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 1. 2002)

Von Rudolf Taschner

Der Autor ist Mathematiker an der TU Wien.
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