Die ersten Schritte zum Mikrobenkrieg

22. Jänner 2002, 14:14
posten

Anfang 1945 planten britische Agenten eine bizarre Operation: Adolf Hitler sollte mit Milzbrand-Tee infiziert werden

Gab es schon im Altertum Versuche, Feinde mit Krankheiten anzustecken, so machten die Bakteriologen im 20. Jahrhundert die Entwicklung der biologischen Kriegsführung möglich. Deren Geschichte beschreibt die heutige Folge des Buch-Vorabdrucks über die gefährlichsten Waffen der Welt.

Bis ins 19. Jahrhundert beschränkte sich der Einsatz biologischer Kampfmittel noch auf die krude Methode, Feinde mit bereits grassierenden, natürlich entstandenen Krankheiten anzustecken. Dann gelang es Forschern wie dem deutschen Bakteriologen Robert Koch, durch die Isolierung und Züchtung von Bakterien und Bazillen diese als spezifische Ursache bekannter Krankheiten wie Milzbrand oder Tuberkulose nachzuweisen. Ihre auf die Seuchenbekämpfung gerichteten Forschungen dienten dann aber auch dazu, die biologische Kriegsführung zu entwickeln. Zu Beginn des Ersten Weltkriegs hatte die deutsche Armee bereits ein ganzes Arsenal an Biowaffen zur Verfügung. Im Ausland infizierten Agenten Pferde, Schafe und Rinder sowie Tierfutter mit Milzbrandkeimen und den Erregern der Rotzkrankheit.

Der Einsatz biologischer Kampfmittel gegen Menschen war im Ersten Weltkrieg noch verpönt. Weniger Skrupel hatten die Militärs beim Einsatz chemischer Waffen. Franzosen, Engländer und Deutsche scheuten sich auf dem Schlachtfeld nicht, rund 125.000 Tonnen giftiger Chemikalien, darunter Senfgas und Tränengas, freizusetzen. Zu Schaden kamen 1,3 Millionen Menschen, 90.000 von ihnen fanden den Tod.

Churchills Szenario

1925 wurde das Genfer Protokoll vereinbart, das den Einsatz von Bio- und Chemiewaffen im Krieg verbietet - nicht allerdings Besitz und Entwicklung. Winston Churchill zeichnete damals ein Szenario von "vorsätzlich auf Mensch und Tier losgelassenen Seuchen": "Mehltau, um die Ernte zu vernichten; Milzbrand, um Pferde und das Vieh zu töten; Pest, um nicht nur Armeen, sondern auch ganze Landstriche zu verseuchen."

1928 ratifizierte Deutschland das Genfer Protokoll. Das hinderte die Militärs freilich nicht daran, weiter über den Einsatz von Biowaffen nachzudenken. Noch in den Zwanzigerjahren starteten auch Frankreich und die Sowjetunion ihre Biowaffenprogramme. 1932 folgte Japan.

Aus Dokumenten geht hervor, dass Hitler die biologische Kriegsführung zunächst ausdrücklich verboten hatte. 1943 wurde die "Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter" gegründet. Sie sollte praktische Versuche mit Erregern durchführen, um Abwehrmaßnahmen gegen Biowaffen zu entwickeln. Dabei waren Defensivpläne freilich von offensiven Überlegungen kaum zu unterscheiden. Im Blitzableiter-Komitee wurde bereits 1943 über einen möglichen Bioangriff auf den britischen Rinderbestand spekuliert.

Es scheint, als hätte Hitlers Biowaffenverbot bis zum Kriegsende gehalten. Allerdings bezog es sich nur auf den militärischen Einsatz gegen den äußeren Feind. Keinerlei Skrupel zeigten die Nazis beim Missbrauch von KZ-Häftlingen für Impfstoffexperimente mit Bakterien und Viren. Warum Hitler Biowaffen ablehnte, gibt Historikern noch immer Rätsel auf. Ein Motiv mag in einer Bakterienphobie Hitlers liegen, der immer wieder unter Magen-Darm-Beschwerden sowie einer "Rauigkeit der Stimme" litt, die er selbst auf Bakterieninfektionen zurückführte.

Anthrax-Tee für Hitler

Anfang 1945, kurz vor Kriegsende, planten britische Agenten eine bizarre Operation. Adolf Hitler sollte mit Milzbrand infiziert werden. Unter anderem sollten die Erreger mit einer als Füllhalter getarnten Spritze injiziert werden. Auch die Kontaminierung der Wasserversorgung eines Sonderzugs mit dem Führer an Bord wurde in Erwägung gezogen. Informanten zufolge goss Hitler sich immer Milch in die Tasse, bevor er sich Tee einschenkte. Daher, so schlossen die Geheimdienstler, würde er auch nicht merken, wenn der Tee durch das Beimischen von Bakterien oder eines Gifts Verfärbungen aufwies. Doch schließlich kam keine der Varianten zur Ausführung. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 1. 2002)

Der STANDARD bringt als Vorabdruck Texte aus dem Ende Jänner erscheinenden Buch:

Kurt Langbein/Christian Skalnik/Inge Smolek: "Bioterror. Die gefährlichsten Waffen der Welt"

(DVA, 220 Seiten, 18,90 EURO, 260,07 S)

© 2002 Deutsche Verlags- Anstalt, Stuttgart/München.

Redaktion: Erhard Stackl

Themenseite "Bioterror"
Share if you care.