Die Rasur als Akt der Demütigung

21. Jänner 2002, 20:13
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Die wechselhafte Kulturgeschichte der Kriegsgefangenen ist um ein Kapitel "reicher"

Wien - Die Kulturgeschichte der Kriegsgefangenen ist seit der Verlegung von Taliban-und Al-Qa'ida-Kämpfern nach Guantanamo auf Kuba um ein Kapitel reicher. Die mittlerweile 144 Gefangenen im "Camp X-Ray" sind nach Einschätzung der US-Regierung besonders gefährlich und werden deshalb ungewöhnlich streng behandelt: Auf dem Boden kniend und den Rumpf nach vorn gebeugt, Mund, Augen und Ohren verdeckt, an den Händen gefesselt, rasiert und in orangefarbene Anzüge gesteckt, warteten die ersten Gefangenen am 10. Januar auf die Verlegung in ihre Metallkäfige (DER STANDARD berichtete). Manches im Umgang mit den Guantanamo-Gefangenen weist dabei in die Geschichte zurück. Als Akt der Demütigung haben christliche Soldaten im 16. oder 17. Jahrhundert ihren muslimischen Gefangenen den Bart rasiert, erinnert Manfred Rauchensteiner vom Heeresgeschichtlichen Museum in Wien. Er sieht in der Behandlung der Al-Qa'ida-Kämpfer auch weit mehr ein "uramerikanisches Rechtsempfinden": die Gefangenen als Schwerkriminelle, nicht Gegner in einer Kriegshandlung.

Bis zur Schlacht von Solferino 1859 und der Gründung des Roten Kreuzes wurden Kriegsgefangene ohnehin nur als unnötige Last angesehen. Mit der Formel "Min sicherhit si din" ("Meine Sicherheit obliegt dir") mochte sich ein Ritter ergeben, die Mehrzahl der kämpfenden Bauern und Söldner wurde oft noch auf dem Schlachtfeld erschlagen. An die 1700 Franzosen kamen allein auf diese Weise bei der Schlacht von Azincourt 1415 gegen die Truppen des englischen Königs Heinrich V. ums Leben. Vieles hänge eben vom Ziel ab, das der Sieger verfolge, meint Wolfgang Hameter von der Uni Wien: Als Hannibal in Italien einfiel, nahm er nur römische Bürger als Gefangene, die Bundesgenossen ließ er frei - "Er wollte Roms politisches System zerstören". (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22. 1. 2002)

Von Markus Bernath
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