Kirchenraum und Eierlikör

21. Jänner 2002, 20:33
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Bert Brechts "Dreigroschenoper" in Kurt Palms bejubelter Version in Linz

von STANDARD-Mitarbeiter Reinhard Kannonier

Foto: Linzer Landestheater
Linz - Kurt Palm ist zweifellos keiner, der übermäßigen Respekt vor Gottheiten zeigt. Weder vor den überirdischen noch vor den profanen. Schon im Vorfeld der Premiere im Linzer Landestheater hatte ein Großplakat für Aufregung gesorgt, auf dem ein Obdachloser mit dem ersten Satz des Jonathan Peachum, "Wach auf, du verrotteter Christ!", zu sehen ist.

Dieser moralische Aufschrei mutiert auf der Bühne zu einer sehr bunten Demonstration einer Multikulti-Bettler-Truppe: "Christ, verrotteter, auf du wach!" - womit auch dem einfachen Alltagspublikum die Dramatik der Situation vor Augen geführt wird, in der wir uns derzeit wohl befinden. Das räumliche Ambiente, in dem dies alles geschieht, lässt gleichfalls nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig: ein kahler Kirchenraum mit multifunktionellem Altar, aus dessen Tabernakel schon mal eine Flasche Eierlikör geholt wird, dient denn auch schlüssig den vielen Verweisen auf Gott und die Bibel.

Auch der profane Schriftsteller-Gott Bert Brecht kommt hier keinesfalls ungeschoren davon. Er übersteht die Umstellungen und Eingriffe in den Text allerdings jederzeit blendend. Die Aktualität des Stückes brauchte Regisseur Kurt Palm ohnehin nicht krampfhaft zu beweisen und zu betonen. Also konnte er sich auf den Patchwork-Charakter der Dreigroschenoper konzentrieren und diesen durch pointierte Betonung seiner opern-, operetten-, schauspiel- und slapstickartigen Bauelemente offen legen - er kochte aus ihnen ein leichtes und dennoch scharf gewürztes Gericht, bei dem jede Zutat zweifellos penibel durchdacht ist.

Prawys Sackerln

Es fehlen da weder aktuelle Hinweise noch freie Assoziationsmöglichkeiten für das Publikum: Ortstafeldebatte, ein Hermann-Nitsch-Leintuch für die Hochzeitsnacht und Marcel Prawys Plastiksackerln . . . - das ergibt ein fröhliches und nachdenkenswertes Spiel. Ob hier Schauspieler singen sollen, die es ja eigentlich nicht wirklich können, oder ob Sänger opulent-opernhaft schauspielern dürfen, ist in diesem Fall wohl keine Grundsatzfrage mehr, sondern eher eine des Geschmacks und auch der Pragmatik.

Palm hat sich in seiner Variante folgerichtig für die Schauspielerei entschieden. Olga Strub (Cecilia Peachum), Verena Koch (Jenny), Stefan Matousch (Macheath), Sven-Christian Habich (Mr. Peachum) und Günter Rainer als Tiger-Brown erkämpfen sich die Medaillenplätze. Sabine Martins Polly bleibt in ihrer Arbeit etwas blasser.

Dirigent Max Renne leitet die Mitglieder des Brucknerorchesters durchaus souverän durch die Originalpartitur für neun Instrumente. Das Publikum war begeistert.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.01. 2002)

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