Enron-Pleite verändert Amerika

25. Jänner 2002, 19:45
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Wirtschaftsprüfer und Aufsicht versagten - Rentner verunsichert

Washington/Wien - Der Zusammenbruch des Energiekonzerns Enron, bis vor kurzem noch leuchtender Stern am US-Firmament, wird "Corporate America" vermutlich stärker verändern als die Terroranschläge vom 11. September. Präsident George Bush hat einschneidende Maßnahmen angekündigt, damit sich ein ähnlicher Fall nicht mehr wiederholen kann.

Zur Erinnerung: Anfang Dezember vergangenen Jahres beantragte der einst siebentgrößte Konzern der USA Gläubigerschutz. Offenbar sind zwischen 1997 und 2000 mehr als 600 Millionen Dollar (693,80 Millionen Euro/9,55 Milliarden Schilling) als Profite ausgewiesen worden, die keine waren. Nach einem dramatischen Kurssturz sind die Enron-Investoren um rund 60 Milliarden Dollar ärmer. Neben dem Enron-Management haben insbesondere die Wirtschaftsprüfer von Arthur Anderson Erklärungsbedarf: Sie haben die Enron-Bilanzen abgesegnet. Rede und Antwort stehen müssen auch Großbanken wie J. P. Morgan Chase und Citygroup, die das Debakel über Jahre hinweg offenbar blind finanziert haben. Angepatzt sind aber auch die Aufsichtsbehörden, die an sich verhindern müssten, dass so etwas passiert.

Enron dürfte sehr "kreativ" gewesen sein. In vier der vergangenen fünf Jahre habe das Unternehmen keine Einkommenssteuer gezahlt, schreibt die New York Times. Um der Gewinnbesteuerung zu entgehen, seien 881 Töchter in Steueroasen gegründet worden. Dadurch sowie durch die Nutzung von Stock Options habe Enron seit 1996 sogar noch Steuerrückerstattungen in Höhe von 382 Millionen Dollar lukriert.

"Ein Krimineller ist grundsätzlich immer eine Sekunde vor dem Prüfer. Das lässt sich schwer vermeiden", sagt der Präsident der Kammer der Wirtschaftstreuhänder in Wien, Klaus Hübner. Enron sei ein "Einzelfall", etwas Vergleichbares habe es in Österreich nie gegeben. Die Verquickung von Prüfungs- und Beratungsgeschäft sei in Österreich untersagt. Hübner: "Wer sich nicht daran hält, verliert die Konzession".

Dramatische Auswirkungen hat der Enron-Fall auf die Altersvorsorge, die in den USA großteils über Pensionsfonds läuft. Schätzungen zufolge haben diverse Fonds rund 1,3 Milliarden Dollar verloren. Verschiedene staatliche Pensionsfonds müssen hunderte von Millionen Dollar abschreiben. Schlechter erging es den Enron-Mitarbeitern. Diese haben bis zu 60 Prozent ihrer Altersvorsorge in Enron-Aktien investiert und schauen nun durch die Finger. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 26./27.1.2002)

Von Günther Strobl
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