Die Volksgeflügelhandlung

21. Jänner 2002, 19:58
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Zweiter Uraufführungsanlauf von Gert Jonkes "Die Vögel": Ein bleiernes Stück Theaterfantasie

Ein Unstern hängt offenbar über Gert Jonkes Version von Aristophanes’ "Die Vögel": Im zweiten Uraufführungsanlauf zitterte sich Regisseur Georg Staudacher im Wiener Volkstheater durch eine Ansammlung schlechter Stadttheater-Gewohnheiten.

von Ronald Pohl


Foto: APA/Schlager Gottfried Neuner (re) als Gebrat während einer Probe.

Wien - Wem in Sichthöhe der Politik kein handelndes Gegenüber mehr begegnet, sondern nur noch Verbraucherzielgruppen, die wiederum aus wechselnden Kollektivseelen bestehen, die von den Medien hervorgebracht, mental durchgeformt und zum Konsum angestiftet werden, die man erregungspolitisch am Sieden hält, bis man sie in den Magistraten in der Form von Unterschriftsleistungen abschöpft: Wessen Blick richtete sich angesichts von so viel Menschenverachtung nicht auf den Himmel, dessen verwaschenes Blau seit Aristophanes von politisch ermächtigten Vögeln bewohnt wird?

Der Grieche schickte 414 vor Christi Geburt zwei attische Bürger in die Wolken, um aus Lichtziegeln und Luftmörtel ein Utopia für das liebe Federvieh blickdicht zu bauen. "Wolkenkuckucksheim" ist von allen Scherzworten bis heute das geflügeltste. Denn niemand möchte ernsthaft in einem Vogelfreistaat leben, dessen Geschicke von demselben Menschenpöbel bestimmt werden, dessentwegen man die beschwerliche Reise in den Äther überhaupt erst angetreten hat.

Es gilt, die Zeugnisse menschlicher Niedertracht loszuwerden und das Gemeinwesen als Mustergeflügelfarm zu lenken, als eine Art Legebatterie für vernünftig ansprechbare Naturwesen. Ein ätzendes Plädoyer für den gattungspolitisch optimierten Vogelpark, könnte man meinen. Gert Jonke, dessen Sätze ausgreifende Fantasielinien am nächtlichen Poesiehimmel sind, hat seine Vögel-Neudichtung auch beim zweiten, in immer steileren Bögen gelenkten Anflug von allen gemeinpolitischen Anspielungen säuberlich gereinigt gehalten.

Natürlich ist der anreisende Auskunftsgeber Gebrat (Gottfried Neuner) im zweituraufführenden Wiener Volkstheater der Abkömmling einer zerfallenden Gattung. Er und sein Spießgeselle Hoffer (Günter Franzmeier) erscheinen als Leistungsverweigerer, komplett mit Klobrillenbart und Flaschenöffner an der Hosenleine, mit Ohrenfellmütze und Walkjanker, unter dem das Hawaii-Hemd schlottert, welches die Sehnsucht nach Ferne versandhausfarben verbürgt.

Doch mit der politischen Zielbestimmung ist Regisseur Georg Staudacher auch der Rest des Stückes abhanden gekommen: alles also. Sein Vogelbauer ist mit zinkenen Wandblechen verhängt, an denen Vogelkot klebt (Bühne: Georg Lindorfer).

Hallo Hitchcock! Sein bis dato als tadellos gescheit geltender Inszenierungskopf, der allerdings immer nur an Kleintheatern pop-

dröhnend anprallte, verwandelt sich unter der Last von Jonkes erdrückenden Satzgebirgen: in einen Menschenkäfig. In dem stehen die Volkstheater-Schauspieler hilflos leiernd herum, während rund um sie das missbrauchte Vogelvieh mit den Gimpelköpfchen wackelt und privatspastisch grinst: in kotigen Wickeln, kollektiv entlaufen aus der Irrenanstalt von Peter Weiss’ Marat/Sade. Auch so ein vergessenes Naturschutzhaus für schräge Vögel.

Zu Anfang taucht noch Alfred Hitchcock aus der Versenkung herauf: Der soll, wie man hört, Zigarrenraucher gewesen sein und einen Film Die Vögel (The Birds) gedreht haben (sollte man sich bei Gelegenheit wieder einmal ansehen!). Vera Borek hüllt ihren Königsvogel Tereus - er leiht den beiden entlaufenen Erdenbürgern bereitwillig sein Ohr - mosttrinkend in einen löcherig zerkauten Silbenumhang. Gottfried Neuner, der als "Gebrat" doch zum populistischen Staatsverbrecher und Staatsvogelhändler emporschießt, bewahrt sich das unergründlich heitere Gemüt eines schlecht vorbereiteten Klausurkandidaten.

Jonkes Vögel und deren Falkner und Abrichtungskünstler laufen, in Ermangelung irgendeines Aufschwungs, durch ein tief ebenes, abgrundflaches, öde mit Ausrufungszeichen bestandenes, dünn mit Witz besiedeltes Dichtungstal: die poetische Landschaft als Kalauer-Karst am Weghuberpark.

Beinahe wünscht man sich Peter Handkes struppige Gebirgslandschaften zurück: Dort tragen immerhin junge Märchenerzählerinnen ihre kauzigen Weltverbesserungspläne im Dirndlkleid hochmögend spazieren.

Hier war es eine kahle Geflügelhandlung. Einige Premieren-Kiebitze riefen "Buh".
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.01. 2002)

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