Frage an Erwin Tschachler: Stärkt die Liebe das Immunsystem?

28. Jänner 2002, 17:23
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Dass die Liebe uns glücklich macht, steht außer Frage. Ob sie auch unser Immunsystem stärken kann, wie öfters in internationalen Studien behauptet wird, beantwortet Prof. Erwin Tschachler von der klinischen Abteilung für Immundermatologie am Wiener AKH im Interview mit mymed.cc.

Das Interview führte Peter Seipel

mymed: Herr Professor Tschachler, immer wieder werden Studienergebnisse zitiert, nach denen die Liebe das Immunsystem stärkt. Wie seriös sind solche Untersuchungen?

Tschachler: Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus fällt es schwer, hier eine exakte Aussage zu treffen. Da ist einmal die Schwierigkeit der Definition von Liebe, die ja von jedem Menschen sehr individuell erlebt wird. Dann stellt sich die Frage, zu welchem Zeitpunkt man die Untersuchung durchführt. Es ist eine nette Allegorie, dass die Liebe etwas Gutes ist, das kann ich unterschreiben. Es ist eine Zeit der inneren Stärke und des Glücks. Dass die Liebe aber tatsächlich das Immunsystem stimuliert, halte ich für etwas übertrieben.

mymed: Den im Körper von Verliebten ausgeschütteten Hormon-Kaskaden wird ein wahrer Jungbrunnen-Effekt nachgesagt. Kann dieser Effekt wissenschaftlich bestätigt werden?

Tschachler: Liebe kann durchaus auch Stress für unseren Organismus bedeuten. In dieser Zeit werden daher vermehrt Stress-Hormone ausgeschüttet, die eventuelle Schädigungen oder Krankheitssymptome kurzfristig unterdrücken können. Für eine längerfristig positive Wirkung auf unsere Gesundheit fehlt bislang aber der wissenschaftliche Beweis. Die Liebe des Menschen lässt sich wie gesagt nicht skalieren und standardisieren und kann daher nicht so leicht erforscht werden wie zum Beispiel die Brunft der Tiere.

mymed: Selbst das Küssen soll eine immunstärkende Wirkung haben. Ist Küssen eine Art Training für das Immunsystem?

Tschachler: Beim Austausch von Speichel, der bei einem tiefen Kuss stattfindet, wird der Körper mit zahlreichen lebenden und toten Zellen, sowie mit verschiedenen Viren und Bakterien konfrontiert, die zweifellos das Immunsystem stimulieren. Viele Viren wie zum Beispiel die Windpocken werden über die Tröpfcheninfektion von Mensch zu Mensch übertragen. Das Epstein-Barr-Virus, das für das Pfeiffer-Drüsenfieber verantwortlich ist, trägt im Englischen auch den Beinamen "Kissing Disease".

mymed: Auch der Geschlechtsverkehr soll eine immunstimulierende Wirkung haben und außerdem ein gutes Training für das Herz-Kreislaufsystem sein.

Tschachler: Auch dabei kommt es natürlich zum Austausch von Viren und Bakterien, unter denen es bekanntlich einige sehr gefährliche Erreger gibt, die vom Immunsystem nicht abgewehrt werden können. Der wirksamste Schutz vor einer derartigen Infektion ist nach wie vor die Verwendung eines Kondoms. Der Effekt des Herz-Kreislauftrainings hängt natürlich von der Häufigkeit und Intensität ab, mit der die körperliche Liebe praktiziert wird. Sie ist auf jeden Fall die schönste und sympathischste Art, sich körperlich zu ertüchtigen.

mymed: Herr Professor, wir danken für das Gespräch!



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