Faschismus à la Berlusconi

21. Jänner 2002, 12:29
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Warum der 1997 mit dem Nobelpreis bedachte Dramatiker Dario Fo sich an die totalitaristische Ära erinnert fühlt. Ein Kommentar der anderen.

Italien liefert uns zur Zeit ein entmutigendes Schauspiel: Allerorten mangelt es an Elan, an Interesse, an Begeisterung. (Ganz im Gegensatz zu Paris, wo ich kürzlich an einer Debatte mit Intellektuellen und Künstlern teilnahm und dabei eine beeindruckende Bereitschaft zur Partizipation, zur Anteilnahme, zum Engagement erlebte).

Unentwegt werden uns die Verirrungen und Heucheleien der verschiedenen politischen Gruppen präsentiert, die sich an das faschistische Klima anpassen und sich oft nicht einmal scheuen, Wortwahl und Gestik des Faschismus zu übernehmen. Sie bedienen sich alle desselben Repertoires, brüllen alle die selben Worte: Freiheit, Wille, Vaterland, Italien, Rassenschutz ...

Dazu kommt das, was man "Interessenskonflikt" nennt: Selbst Mussolini hatte seine Verteilungspolitik der Privilegien nicht in solch unverschämtem Ausmaß betrieben wie das heute der Fall ist - weder für sich selbst noch für jene, die sein Regime akzeptierten (ausgenommen die Bevorzugung Fiats in der nationalen Industrie). Heute haben wir Industriebosse wie Herrn Agnelli, der, nachdem er erkannte, von welcher Seite der Wind bläst, ganz plötzlich einen Schwenk machte - ebenso wie die großen Banken, die Kreditinstitute usw.

Dem gegenüber finden wir nichts als eine ängstliche, absurde Leere anstelle der Opposition, die praktisch inexistent erscheint. Es ist leider eine Tatsache: Wir spielen lediglich die Rolle simpler Dissidenten, die versuchen, das Vakuum der politischen Opposition auszufüllen.

Um aber wieder zu der eingangs erwähnten Diskussion in Paris zurückzukommen, die den Niedergang der Demokratie in unserem Land zum Thema hatte: Es mag vielleicht wie eine Provokation klingen, aber ich muss es so sagen: Niemals darf es dazu kommen, dass die Gründe, die mich nach Paris führten, um zu einem Minimum an Besinnung und Wachsamkeit aufzurufen, Zuständen gleichen, wie sie unter jener anderen absolutistischen Regierung herrschten, von der mir mein Vater immer erzählte, und die ihn als ganz jungen Mann dazu zwangen, als politischer Flüchtling in Frankreich zu leben. Und es macht mich zutiefst betroffen, wenn ich von überlebenden Zeugen jener Zeit höre, dass sie den Eindruck haben, die 20er Jahre wieder zu erleben, die Geburtsjahre des Faschismus.

Lesen Sie doch Zeitung und sehen Sie, wie sich der Anwalt Berlusconis erlaubt, den Gerichtssaal mit dem Ausruf "Es gibt keine Gerechtigkeit mehr!" zu verlassen. Und sehen Sie die Anwälte, die sich jenen Berlusconis anschließen und eine Intervention des Justizministers fordern - eines Ministers, der aus der Lega Nord kommt und als Wachhund der Berlusconi-Regierung fugiert.

Wir stehen hier vor dem verrücktesten Paradoxon, einer totalen Farce nach Art des "König Ubu": Man macht extra Gesetze für den König, man wählt Minister aus seinem Hof, und die verteidigen dann ausschließlich dessen Interessen. Und die Öffentlichkeit applaudiert - von kurzfristigen Entrüstungen abgesehen. Das alles schafft beim Cavaliere wie auch bei seinen Hofschranzen die sichere Gewissheit, wirklich die totale Macht zu haben und sich völliger Straffreiheit erfreuen zu können. Ganz nach dem Motto: "Wir werden nie ins Gefängnis gehen".

Unlängst habe ich von einem Regierungsmitglied gehört, wie man eine Begegnung mit Abgeordneten der Mitte Links organisieren will: "In einer Hand werden wir einen Olivenzweig halten, in der anderen die Pistole." Wortwörtliches Zitat!

Kein Zweifel - der neue Faschismus ist schon da, man braucht sich ja bloß die Sprache dieser Herrschaften anzuhören: zuerst das Unternehmen Italien, dann das Unternehmen Partei, das aus jedem einen Hausangestellten macht, der große Manager im Zentrum. "Gnade den Besiegten" war auch schon ein faschistischer Ausdruck.

Heute genügt es, die Gesten, Worte, Haltungen, die ganze Arroganz dieser Regierenden anzusehen, die mit der Faust auf den Tisch hauen, die schreien "Ihr geht mir auf die Eier!", "Ich schmeiße euch aus dem Unternehmen!" (wie der Verkehrsminister), oder "Raus mit den Arabern!", "Sollen sie doch ihre dreckigen Moscheen wo anders hinstellen!", "Sollen sie doch in ihren Ghettos bleiben!". Hier ist ein neuer Gedanke: das Ghetto, für jene, die anders sind, für jene, die nicht konform gehen.

Intellektuelle schlafen

Manchmal macht mir die Situation Angst und ich verfalle in dumpfe Melancholie. Wohl mache ich weiterhin Theater, und in unserer Arbeit haben wir Gelegenheit, diese Reden zu Asche zu reduzieren, und das Publikum reagiert auch, aber man weiß ja sehr gut, dass es sich um ein Publikum handelt, das ohnehin Bescheid weiß.

Der einzige Lichtblick sind die jungen Menschen, die noch Visionen haben, die sich bewegen, und denen man helfen muss - indem man sie informiert und ihnen die Wahrheit sagt.

Aber leider gibt es bei uns heute keinen Jean-Paul Sartre, der an den Universitäten sprechen würde, so wie er es 1968 gemacht hat, als er einen Vortrag über das spontane Theater, das politische Theater, das Volkstheater hielt und zum Abschluss Savinio zitierte: "O Menschen, erzählt eure Geschichte!".

Heutzutage kann nicht mehr die Rede davon sein, eine Chronik der Gegenwart zu erstellen, den Zeitgeist zu vermitteln. Nicht nur sind fast alle Regisseure und Theaterdirektoren durch behendes Wenden ihrer Westen kurz über lang Männer der Rechten geworden, sondern die Mehrheit der Intellektuellen ist wie eingeschlafen, oder aber sie tun so, als wären sie nicht da, als hätten sie an andere Dinge zu denken. "Le Monde" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21. Jänner 2002)

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