Ärzte beklagen rasanten Einkommensverlust

20. Jänner 2002, 20:37
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Standesvertreter Pruckner: "Kassenärzte ohne zweites Standbein nicht lebensfähig"

Wien - Der Befund ist eindeutig negativ: "Eine strukturierte Entwicklung fehlt völlig." Der Obmann der Bundeskurie der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer, Jörg Pruckner, stellt der Gesundheitspolitik der Regierung im STANDARD-Gespräch eine vernichtende Diagnose - und deutet an, dass die Geduld der niedergelassenen Ärzte allmählich überstrapaziert ist. "Wir bewegen uns in einer permanenten Abwehrschlacht. Jetzt gehört endlich ein Licht ans Ende des Tunnels", sagte Pruckner.

Viele junge Ärzte, die eine eigene Praxis aufmachten, könnten nämlich nicht einmal mehr davon leben. "Das Gros der Ärzte sind Kassenärzte, und diese sind in Wien zum Teil ohne zweites Standbein als Schularzt, beim Magistrat oder als Arbeitsmediziner in einem Betrieb nicht lebensfähig", sagt Pruckner. Die Verdienstentwicklung bei den Wiener Allgemeinmedizinern weise für das Jahr 2001 einen realen Einkommensverlust von fast drei Prozent (-2,95 Prozent) aus: "Ein junger Arzt mit Praxis verdient sicher weniger als ein fertiger Turnusarzt im Spital, der rund 2180,19 Euro oder 30.000 Schilling mit Nachtdiensten, Überstunden bekommt."

Dass Kritiker sagen, Wien habe sowieso zu viele Ärzte, lässt der Ärztevertreter nur eingeschränkt gelten. Tatsächlich gebe es in Wien "relativ viele Ärzte, ich glaube aber nicht, dass die Allgemeinmediziner zu viele sind". Auch für die Fachärzte gebe es "genügend Patienten". Aber regionale Unterschiede (Stadt-Land-Gefälle) seien vorhanden ,und "im fachärztlichen Bereich gibt es Versorgungsschwächen" - vor allem in der niedergelassenen Psychiatrie.


"Frust minimieren"

Um den ambulanten Bereich "fit zu machen", erneuert Pruckner seine Forderung nach 18,31 Milliarden Euro in den nächsten fünf Jahren. Nicht nur für den niedergelassenen Bereich "werden zusätzliche Mittel notwendig sein. Man muss einsehen, dass wir mit Sparen jetzt am Ende sind. Wir müssen neue Strukturen entwickeln, aber auch den Frust für Patienten und meine Kollegen minimieren." Pruckner hegt Sympathien für die von Gesundheitsstaatssekretär Reinhart Waneck (FP) geforderte - und von Sozialminister Herbert Haupt (FP) abgelehnte - zweckgebundene Tabaksteuer. Er halte es für sinnvoll, Mittel nicht nur zur Defizitabdeckung der Kassen einzusetzen. Der Druck der Regierung auf die Ärzte bis hin zur Drohung, bei unerklärbar hohen Medikamentenverschreibungen den Kassenvertrag zu verlieren, hält Pruckner für kontraproduktiv. Er fordert "konsensuelle Maßnahmen". Absolut kompromisslos ist Pruckner, wenn es um die Einhebung der Chipkartengebühr geht: "Natürlich heben wir sie nicht ein." (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.1.2002)

Von Lisa Nimmervoll
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