"Zwanghaftes, langes Sitzen"

26. August 2003, 18:54
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Arzt verfasste ein AHS-Manifest

Wiener Neustadt - Er ist Notarzt und Internist und hatte mit Bildungspolitik bisher nichts am Hut. Trotzdem hat der dreifache Vater Norbert Bauer - die Kinder sind noch im Volksschulalter - ein "AHS-Schülermanifest" verfasst, in das seine Beobachtungen als Arzt eingeflossen sind sowie die Erfahrungen der Schulkinder Verwandter und Bekannter. Das Manifest verschickte er ans Bildungs- und Sozialministerium. Das sind seine Thesen:
[] Allgemeinbildung muss neu definiert werden. In den vergangenen Jahrzehnten habe die Gesellschaft einen unglaublichen Umwandlungsprozess durchgemacht, den die Schule nicht nachvollzogen habe.

[] Schulkinder sollten generell eine Fünftagewoche mit höchstens 30 Unterrichtsstunden pro Woche haben. Schüler seien die einzige Bevölkerungsgruppe in Österreich, von denen ein wöchentlicher Aufwand von 50 und mehr Stunden verlangt werde.
[] Eine tägliche Bewegungsstunde ist im Unterricht einzuplanen. Die Zahl der Jugendlichen mit Übergewicht und Haltungsschäden nehme sprunghaft zu. Diese Problematik werde durch das "unermesslich lange, zwanghafte Sitzen in der Schule" verschärft. Statt des konventionellen Turnunterrichts könnte auch Aerobic oder Step-Dance angeboten werden.
[] Bei lebenden Fremdsprachen müsste mehr Wert auf Konversation gelegt werden. In Deutsch sollten auch Präsentationstechniken gelehrt werden.
[] Biologie, Geographie, Physik und Chemie könnten ein gemeinsames naturwissenschaftliches Fach bilden, in dem Themengebiete schwerpunktmäßig behandelt werden.
[] Religion, Geschichte und Philosophie wäre ebenfalls gemeinsam - als historisch-ethisch-politikwissenschaftliches Fach - zu lehren.
[] Mathematikstunden könnten ab der siebten Schulstufe zurückgedrängt werden. Aber auch in der AHS sollten grundlegende Steuerberechnungen und betriebswirtschaftliche Grundlagen unterrichtet werden.
[] Latein sei in der AHS zwar zu begrüßen, sollte aber in der Oberstufe eingeschränkt werden. Darauf aufbauend könnte Italienisch oder Spanisch gelernt werden.

Der 37-jährige Manifest-Verfasser arbeitet im Schwerpunktspital Wiener Neustadt - unter anderem mit Herzinfarktpatienten. Angesichts dieser akut Erkrankten werde einem die Bedeutung von Prävention besonders bewusst, sagt der sportmedizinisch Ausgebildete im STANDARD-Gespräch. "Das allerwichtigste ist, bei den Kindern anzufangen, damit Risikofaktoren wie Übergewicht und Bewegungsmangel verhindert werden können.

Und die Reaktionen der beiden angeschriebenen Ministerien? In dem für Schulbelange zuständigen Ressort hat man bisher nicht reagiert. Das Sozialministerium antwortete hingegen mit einem ausführlichen Brief, in dem dargestellt wurde, dass Schulen mit Sportschwerpunkt forciert würden. "Viel zu wenig", findet Bauer. (DER STANDARD, Print vom 21.1.2002)

Von Martina Salomon
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