Fischer wird Zugpferd der Grünen

21. Jänner 2002, 13:17
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Anchorman der Öko- Partei steigt als alleiniger Spitzenkandidat in den Ring - Sechsköpfiges Wahlkampfteam soll Minister unterstützen

Berlin - Die deutschen Grünen gehen erstmals mit Außenminister Joschka Fischer als alleinigem Spitzenkandidaten in den Bundestags-Wahlkampf. Das beschloß der Parteirat am Montag in Berlin. Für die vor gut 20 Jahren gegründeten Grünen ist das Herausstellen eines Politikers im Wahlkampf neu. Bisher hatte es nie einen Spitzenkandidaten gegeben. In Deutschland wird am 22. September der Bundestag neu gewählt. Fischer sagte nach seiner Nominierung, er wolle, "dass die Grünen möglichst stark werden". Er freue sich über die "sehr große Herausforderung".

"Lebendig und putzmunter"

Als Schwerpunkte nannte er "ökologische Herausforderungen" und die Finanzpolitik. Auch die Vollendung der deutschen Einheit sei ein wichtiger Punkt. "Wir sind lebendig und putzmunter", meinte er zum Zustand seiner Partei. Zum Bündnis mit den Sozialdemokraten unter Bundeskanzler Gerhard Schröder sagte Fischer: "Wir wollen diese Koalition fortsetzen aus inhaltlichen Gründen." Die Entscheidung über die künftige Regierung werde nicht zwischen den beiden großen Lagern, sondern zwischen den kleinen Parteien fallen.

Nach jüngsten Meinungsumfragen liegt die mit der SPD an der Regierung befindliche Öko-Partei nur bei etwa fünf Prozent. Dies ist die Hürde für den Einzug in den Bundestag. Fischer erklärte, im Wahlkampf solle die Alternative der Grünen und der rot-grünen Koalition zu CDU/CSU und zur FDP deutlich gemacht werden. Dies gelte auch für die Außen- und Europapolitik.

Grünes Spitzenteam

Nach dem Beschluss der Grünen soll Fischer von einem Spitzenteam aus sechs Politikern der Partei unterstützt werden. Diesem Spitzenteam gehören die Parteivorsitzenden Claudia Roth und Fritz Kuhn, die Fraktionschefs Kerstin Müller und Rezzo Schlauch sowie die Verbraucherschutzministerin Renate Künast und Umweltminister Jürgen Trittin an.

Fischer war bereits im Bundestagswahlkampf 1998 als Zugpferd der Grünen angetreten. Eine förmliche Spitzenkandidatur hat es bei den Grünen bisher wegen früherer Bedenken gegen eine Personalisierung von Wahlkämpfen jedoch nicht gegeben. Von der Wahl Fischers erhofft sich die Grünen-Führungsriege, dass die Partei von der hohen Popularität des Ministers in Umfragen stärker als bisher profitiert.

Kritik aus den Ländern Während die Parteiführung offenbar mehrheitlich eine Spitzenkandidatur Fischers allein bevorzugte, um dabei dessen Popularität in der Öffentlichkeit zu nützen, kritisierte Parteirats-Mitglied Astrid Rothe einen so zugeschnittenen Wahlkampf als "falsch". "Ich glaube, dass das schädlich ist, weil es eine Verengung ist", sagte Rothe vor Beginn der Sitzung. Die thüringische Grünen-Chefin Astrid Rothe sagte, es sei "falsch, einen Personenwahlkampf zu führen, der künstlich konstruiert ist".

Mehrere Grünen-Bundestagsabgeordnete hatten zuvor in Interviews eine alleinige Spitzenkandidatur Fischers kritisiert. Dagegen nannte die Finanzexpertin Christine Scheel (Grüne) die Aufstellung Fischers als einzigen Spitzenkandidaten eine "intelligente Lösung". Es reiche nicht mehr aus, wenn die Grünen nur für Inhalte stünden; es müssten Verbindungen zwischen Person und Inhalt hergestellt werden, sagte Scheel im ZDF.

Die grüne nordrhein-westfälische Umweltministerin Bärbel Höhn meinte, die Medien hätten Fischer sowieso schon zum Spitzenkandidaten erklärt, da sei es "sinnvoll, das nachzuvollziehen". Verbraucherschutzministerin Renate Künast verteidigte die Debatte in ihrer Partei: Sie sei Zeichen dafür, dass viel kompetentes Personal in der Partei bereit stehe. "Das soll uns erstmal einer nachmachen", sagte sie. Zur Spitzenkandidatur selbst wollte sich Künast nicht äußern - es hatte Überlegungen gegeben, eine grüne Doppelspitze Fischer-Künast aufzustellen.(APA/dpa/Reuters)

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