Jiang Zemin und die Wanzen im Regierungsflugzeug

20. Jänner 2002, 19:45
posten

Affäre wird unter den Teppich gekehrt und Protest unterdrückt

Die chinesische Führung will die für die USA peinliche "Flugzeugwanzenaffäre" nicht zur Belastung des Ende Februar beginnenden bilateralen Gipfeltreffens werden lassen, zu dem US-Präsident George W. Bush nach Peking kommt. Er rechne mit keinen größeren Auswirkungen auf das Treffen, sagte ein informierter chinesischer Beobachter zum STANDARD. Das Pekinger Außenministerium würde in Kürze zu dem Vorfall Stellung nehmen.

Zugleich haben die Propagandabehörden den Sonntagszeitungen untersagt, über die aufgedeckten Abhöreinrichtungen in der als Präsidentenflugzeug für Jiang Zemin bestimmten und aus den USA gelieferten Boeing 767 zu berichten. In den schwer kontrollierbaren Internetportalen von den Universitäten bis zur Parteizeitung wurden erregte Aufrufe gegen die USA oder zum Boykott von Boeing sofort nach Erscheinen gelöscht.

Besonders strikt wurden alle Anspielungen auf den militärischen Zwischenfall vom vergangenen April unterdrückt, der eine Krise in den beiderseitigen Beziehungen auslöste, als ein US-Spionageflugzeug mit einem chinesischen F-8-Jäger über dem Südchinesischen Meer kollidierte.

Am Samstag hatten die in London erscheinende Financial Times und die Washington Post gemeldet, dass in einer als chinesische Version der "Airforce One" für Präsident Jiang Zemin in den USA im letzten Jahr umgebauten Boeing mehr als zwei Dutzend Abhöranlagen entdeckt wurden. Armeeexperten hätten die in den Polsterungen, im Kopfrahmenteil des Bettes und in den Verkleidungen des Waschraumes versteckten, angeblich satellitengesteuerten und hochleistungsfähigen "Miniaturwanzen" entdeckt. Chinas Staats- und Parteichef sei außer sich gewesen, als er davon im September erfuhr.

Jiang Zemin hatte geplant, mit der Maschine im Jungfernflug im Oktober zur Apec-Konferenz nach Schanghai zu fliegen, wo er Bush traf. Die "Wanzenaffäre" sei auf der Apec-Konferenz aber nicht zur Sprache gekommen. Daher werde sie auch beim Gipfeltreffen nächsten Monat in Peking keine herausragende Rolle spielen, zumal sich die beiderseitigen Beziehungen seit der Apec-Tagung erheblich verbessert haben.

Ein chinesischer Beamter nannte den Vorfall, der "uns im Prinzip nicht unerwartet traf", eine "große Dummheit derjenigen, die dafür verantwortlich sind". Es hätte ihnen klar sein müssen, dass Peking eine aus den USA für den Präsidenten Chinas gelieferte Maschine auf "Herz und Nieren gerade auf Wanzen" prüfen würde. Offiziell wollten am Sonntag aber weder Washington noch das Pekinger Außenministerium den Vorfall kommentieren.

Verdacht gegen Beamte

Informierte Beobachter sagten, Chinas Behörden seien sowohl über die Vielzahl der entdeckten Abhöreinrichtungen irritiert als auch über die Frage, wie und wann sie installiert werden konnten. Ihre Untersuchung richte sich ebenfalls gegen zwei Dutzend chinesische Sicherheitsbeamten, Luftwaffenoffiziere und Angestellte der Luftfahrtgesellschaft, die die Maschine gekauft hatten. Während des Umbaus der für 120 Millionen US-Dollar (135,7 Mio. Euro/ 1,87 Mrd. S) im Juni 2001 erworbenen Boeing stand die Maschine unter Beobachtung chinesischer Beamter. (DER STANDARD, Print vom 21.1.2002)

Die Boeing des chinesischen Staats- und Parteichefs Jiang Zemin war mit Abhöranlagen gespickt. Offenbar will China aber trotzdem keinen großen Streit mit den USA vom Zaun brechen. Im Vorfeld des Peking-Besuchs von George W. Bush wird die Affäre unter den Teppich gekehrt und Protest unterdrückt.

Von Johnny Erling aus Peking

Share if you care.