OECD- Schulstudie: "Piefkes" abhängen reicht nicht

20. Jänner 2002, 20:18
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Gemessen am Aufwand ist das heimische Schulwesen bloß durchschnittlich - Von Martina Salomon

Deutschland und die Schweiz winden sich seit ein paar Wochen in schmerzhaften Nachwehen, die die OECD-Studie "Pisa" zur Lesefähigkeit von Jugendlichen ausgelöst hat. Österreich hingegen ruht gemütlich auf Lorbeeren: Deutlich besser als die ewig oberg'scheiten "Piefkes" zu sein - Herz, was begehrst du mehr? Im Grunde hat die Pisa-Studie auf Österreich verheerende Auswirkungen: Keiner redet mehr über inhaltliche Schulreformen, obwohl es dringend notwendig wäre.

Sieht man sich die Daten mehrerer Studien der letzten Jahre nämlich genau an, erscheint das Pisa-Ergebnis gar nicht mehr in so hellem Licht: So gehören heimische 12- bis 14-Jährige international zu den Schülern mit der höchsten Zahl an Unterrichtsstunden. Nirgendwo sonst ist der Geldaufwand für Hauptschule und AHS-Unterstufe so hoch. Und die Schülerzahl pro Lehrer ist in Österreich besonders niedrig. Gemessen an diesem Aufwand schnitt Österreich mit dem zehnten von 31 Plätzen bei den Leseleistungen eher nur durchschnittlich ab.

Die neue STANDARD-Elternumfrage hat noch ein anderes großes Problem zutage gefördert: Das heimische Schulwesen verlässt sich trotz des Spitzeneinsatzes an Geldmitteln noch immer viel zu stark auf die Förderung durch Elternhaus und Nachhilfe. Das geflügelte Wort "Geht's Ihnen gut oder haben Sie Kinder in der AHS?" hat nach wie vor seine Berechtigung. Pech für die Eltern, aber auch für die Kinder: weil damit nach wie vor keine wirkliche Chancengleichheit hergestellt ist.

Vom Pisa-Testsieger Finnland lässt sich einiges abschauen: Selbstverständlich gibt es dort ganztägige Schulformen. Ganz normal sind auch regelmäßig landesweit durchgeführte Schulleistungstests, um die Standards zu überprüfen (ohne die Schlechteren öffentlich an den Pranger zu stellen). In der Schweiz wird über dergleichen jetzt diskutiert. Man denke dabei nur an die gellenden Empörungsschreie, die der damalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz mit Feedback-Bögen für Lehrer und Bildungsministerin Elisabeth Gehrer mit freiwilligen (!) Lesetests für die Volksschulen erzeugt hat.

Und inhaltlich? Diejenigen Schulen, die um Kinder kämpfen müssen - und das waren zuletzt vor allem Hauptschulen in den Städten -, sind erfinderisch geworden: Dort ist zum Beispiel fächerübergreifender Unterricht kein Fremdwort mehr. Doch in anderen Bereichen werden Projekte innovativer Lehrer noch immer gerne behindert. Da ist es manchmal schon eine heroische Tat, ein neueres Lehrbuch für die Klasse zu bestellen und nicht das, das die älteren Kollegen schon seit drei Jahrzehnten gemeinsam ordern. Eine Änderung des Fächerkanons - wo etwa Geographie und Geschichte oder Physik und Chemie sinnvollerweise zusammengelegt werden könnten - scheitert an den Fächerlobbys.

Dabei wäre insgesamt die Zeit für Reformen sogar günstig wie nie: In den nächsten Jahren verabschiedet sich ein sehr großer Prozentsatz der Lehrer in die Pension. Im Bildungsressort wird an einer AHS-Oberstufenreform gebastelt. Und die Universitäten werden gerade reformiert.

Damit könnte die Pädagogenausbildung umfassend reformiert werden. Überlegenswert wären pädagogische Hochschulen für alle Lehrer, in denen auch AHS-Lehrer mit mehr pädagogisch-psychologischem Rüstzeug ausgestattet werden könnten. Ein Grundstudium Pädagogik, darauf aufbauend ein Fachteil, würde Lehrer darüber hinaus mobiler für andere pädagogische Berufe und Fächer machen.

In Finnland wählt man genau aus, wer Lehrer werden darf. Österreich geht genau den umgekehrten Weg: Jeder darf studieren, und Absolventen haben ungeachtet ihrer Qualifikation - abgesehen von der Hürde einer Warteliste - das Anrecht auf einen Job.

Während in Deutschland und der Schweiz über Bildung breit debattiert wird, schweigen die heimischen Intellektuellen dazu. Schade. Neben der FPÖ gäbe es noch andere lohnenswerte Themen. Das Schulwesen, zum Beispiel. (DER STANDARD, Print vom 21.1.2002)

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