Kopf des Tages: Milos Zeman

21. Jänner 2002, 00:47
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Volksnaher Polit-Polterer aus Prag - Von Jörg Wojahn

"Ich vermeide den Begriff Idiot", sagt Milos Zeman mit Blick auf diejenigen, die das Temelín-Volksbegehren unterstützen wollen. Damit hat der tschechische Ministerpräsident wieder einmal bewiesen, dass die geschliffene diplomatische Rede seine Sache nicht ist. Markige Sprüche und politische Pöbeleien waren von dem Sozialdemokraten immer wieder zu hören. Auch gegenüber anderen Staaten wie Deutschland oder Polen gibt er gern den Grobian. Bei einem Slowakei-Besuch analysierte er zum Beispiel, slowakisches Bier eigne sich höchstens zur Reinigung von Zahnprothesen.

Eine ganz andere Frage ist freilich, ob Zeman sich bei seinen Verbalattacken gegen Landeshauptmann Jörg Haider wirklich der üblen Nachrede strafbar macht. Bei Haider, der Zeman bekanntlich einen "Wendehals" nennt, liegt diese rechtliche Beurteilung näher. Denn der Exchef der tschechischen Sozialdemokraten CSSD hat zwar nach dem Prager Frühling von 1968 einen Fitnessclub betrieben, in dem sich so mancher Nacken verdrehte. Doch dieser Berufstätigkeit ist der diplomierte Wirtschaftswissenschafter Zeman nicht ganz freiwillig nachgegangen: Er war der reformierten Kommunistischen Partei Alexander Dubceks beigetreten, bemühte sich dann sogar um Mitgliedschaft in einer neu zu gründenden Sozialdemokratischen Partei. Nach dem Einmarsch der Sowjets wurde er deshalb sofort aus der KPC ausgestoßen - und büßte seine Haltung mit Arbeitslosigkeit.

Es müsste verwundern, wenn Haiders Archivare, die ja auch mit Fleiß alte Zitate des ÖVP-Klubobmanns Andreas Khol ausgraben, ihren Chef nicht über Zemans wirkliche Vita instruiert hätten. Aber der Tscheche bietet sich nun einmal ideal als Feindbild für rechte Österreicher an.

Zeman legt sich nämlich nicht nur gerne mit populistischen Provinzfürsten, Prager Polit-Gegnern und missgünstigen Medien an. Auch die Sudetendeutschen gehen ihm auf die Nerven. Oder besser gesagt: die Sudetenösterreicher. Denn mit der bundesrepublikanischen Landsmannschaft der Vertriebenen hat Tschechien seinen Frieden mit Zemans - wenn auch widerwilligem - Einverständnis längst geschlossen. Deutschland hatte - auch mit dem Segen des bayerischen Sudeten-Schutzpatrons Edmund Stoiber - bereits 1997 mit Prag eine Übereinkunft erzielt.

Polit-Polterer Zeman gilt als guter Redner und zäher Verhandler. Zigaretten, Bier und den tschechischen Kräuterlikör Becherovka schätzt der 58-jährige Vater einer Tochter sehr. Er steht auch dazu, leistet dies doch einen weiteren Beitrag zu seinem Image als volksnaher Politiker. Bei den kommenden Wahlen wird Zeman, der seine CSSD von einer Randgruppe zu einer Großpartei ausgebaut hat, aber nicht mehr antreten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe vom 21.1.2002)

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